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#abschied

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#abschied | story.one

Der Weg in den Sommer ist mit Abschieden gepflastert. Heuer mehr als sonst, da mein geliebter Nebenjob mich erfreulicherweise zu immer mehr Engagements fĂŒhrt, die zwangsweise irgendwann in Abschieden mĂŒnden.

Als Erstes muss ich mich von „meinen“ Frauen trennen, die ich im Mai zweimal wöchentlich treffe. Einen großen Teller voll mit dem fĂŒr mich besten Baklava erstand ich fĂŒr diesen Anlass beim syrischen SĂŒĂŸwarengeschĂ€ft. Obwohl wir nur sechzehn Stunden miteinander verbrachten, wuchsen wir ein StĂŒck zusammen. Niemals werde ich vergessen was passierte, als wir die Verben mit Akkusativ durchnahmen und die Teilnehmerinnen der Reihe nach SĂ€tze damit bildeten. Eine eher stille Frau war mit „lieben“ an der Reihe und ĂŒberlegte angestrengt, bis sie mich schließlich anblickte und „Ich liebe dich“ sprach. Einem Moment der Stille folgte mein augenzwinkerndes „Ich dich auch“ und danach lachten wir alle herzlich.

Dann sind „meine“ Jugendlichen an der Reihe. Normalerweise nutze ich den letzten Kursabend zur Zubereitung eines gemeinsamen Abschiedsessens. (Eis-)Palatschinken, BratĂ€pfel und Lebkuchen erfreuten schon die Gaumen der vergangenen Gruppen. Doch coronabedingt greife ich auch hier auf Baklava zurĂŒck. Einige Erinnerungen werden mich fĂŒr immer begleiten, vor allem unsere Diskussionen ĂŒber die Verschiedenheit unserer Muttersprachen. Wird die Gitarre hierzulande „gespielt“, wird sie anderswo „geschlagen“ oder „gesungen“.

„Meine nĂ€henden Frauen“ heißt fĂŒr mich die nĂ€chste Gruppe, von der es Abschied nehmen heißt. Wir saßen wöchentlich eine Stunde zusammen in einem Atelier, inmitten von voll behĂ€ngten Kleiderstangen. Nach einer Stunde Deutsch lernen standen fĂŒr die Frauen noch drei weitere an den NĂ€hmaschinen am Programm und ich durfte die liebevoll gestalteten Produkte ihrer Arbeit bewundern.

Auch in der Justizanstalt macht der Deutschkurs Sommerpause und so wĂŒnsche ich dort am letzten Kursmontag „meinen“ Teilnehmern von Herzen alles Gute. Vor allem die Fortschritte des jungen Mannes, der zu Kursbeginn noch nicht Lesen und Schreiben konnte, begeistern mich und ich hoffe, ihn im Herbst weiter begleiten zu können. Dieser Kurs ist die grĂ¶ĂŸte Herausforderung fĂŒr mich, da hier die höchste Fluktuation herrscht. Aber er ist mir auch der liebste.

Und zuletzt ist es in meinen Online-Kursen in einer anderen Justizanstalt so weit und ich winke via Kamera „meinen“ sechs Teilnehmer:innen aus sechs unterschiedlichen HerkunftslĂ€ndern zum Abschied zu. Zweimal pro Woche verbrachte ich je eine Stunde mit einer Gruppe, nach einer kurzen Pause dann mit der zweiten. Durch sie konnte ich meine Persischkenntnisse erweitern und mein Französisch auffrischen. Ich hoffe, im Herbst dann vor Ort sein zu dĂŒrfen.

Jetzt bin ich also „deutschkurslos“ und so sehr ich diese Arbeit und die Menschen auch liebe, so sehr tut mir eine Pause gut. Aber nur, weil ich weiß, dass ich im Herbst mit meiner Leidenschaft fortfahren darf.

© Eva Daspelgruber 2021-07-22

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