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#frieden

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#frieden | story.one

Nach meinem ersten Besuch am frühen Nachmittag komme ich ziemlich erschöpft und mit Kopfschmerzen nach Hause. Ich schlafe für eine Stunde und möchte noch einmal ins Krankenhaus fahren. Niemand soll dort allein sterben, wenn es nicht sein muss, Corona hin oder her.

Der Nachtportier ist etwas mürrisch, lässt mich aber trotzdem passieren. Das Verkleiden auf der Station ist nun nicht mehr neu für mich, ich kenne auch das Zimmer schon.

Du, der einmal mein unverwüstlicher und für mich unsterblicher Papa war, liegst schlafend im Bett. Das Licht vom Eingang beleuchtet den Raum schwach. Ich rücke den Sessel nahe ans Bett. Dein Gesicht ist verändert, auf seine Weise friedlich und schön.

Plötzlich reißt du die Augen weit auf und gibst ein paar Töne von dir. Ich erschrecke, streichle dich mit meiner doppelt gummierten Hand und versuche dich zu beruhigen. Du schlummerst wieder ein. Dann erneut ein leerer Blick von dir ins Nichts, begleitet von unverständlichen Lauten. Mir zieht es das Herz zusammen. Grüße von den Kindern richte ich dir aus, erzähle dir mit Tränen in den Augen, dass ich dich am liebsten einpacken und mitnehmen möchte.

Ganz still ist es dann wieder im Zimmer. Nur das Blubbern aus dem Behälter, von wo aus Schläuche in deine Nase führen, ist zu hören und ein leises Pfeifen von dort. Draußen ist es dunkel und ich bin froh, nach dem ersten Besuch heute noch einmal hierhergekommen zu sein und ein anderes Bild von dir zu speichern.

Ein Husten schüttelt dich mehrmals. Auch der ist kraftlos. Deine Hand kommt unter der Decke hervor. Dass du daran denkst, sie dir hier und jetzt vorzuhalten? So tief sitzen offenbar unsere kulturellen Gewohnheiten. Noch mehr verwundert mich aber die Kraft, die du noch aufbringen kannst, um sie dorthin zu bewegen.

Vor nicht allzulanger Zeit hast du mir erzählt, wie furchtbar ein Krankenhausaufenthalt für dich wäre. Da warst du für zwei Nächte dort, um das Wasser in deinem Körper loszuwerden. “Einer schnarcht immer”, hast du dich damals beschwert und mich zum Lachen gebracht. Du, mit deinem zeitlebens leichten Schlaf.

Aber jetzt hast du ein Einzelzimmer. Und erst jetzt darf ich dich besuchen, obwohl du schon fast zwei Wochen hier bist. Nicht fair, wie ich finde. Letzte Woche hätte ich noch mit dir plaudern können, aber da durfte ich nicht kommen, weil du dich mit dem Virus angesteckt hast. Nicht fair, diese Zeit. Für dich, für mich, für alle.

Der Husten ist jetzt vorbei und in dein Gesicht kehrt wieder Frieden ein. Ich verabschiede mich, wünsche dir eine gute Nacht. Ich komme morgen wieder, Papa. Willst und kannst du noch so lange bleiben?

© Eva Daspelgruber 2021-01-23

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