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#erinnerung#verzweiflung#namenlos

Friedhof der Namenlosen

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Friedhof der Namenlosen | story.one

Schwertlilien betören durch die wunderschönen lila Blüten, die an kerzengeraden Stängeln sich emporrecken. Zwei Erinnerungen verbinde ich mit dieser Iris-Art, die aus Asien zu uns gekommen ist. Im Garten meiner Kindheit blühten sie betörend schön im Frühsommer. Ihre zarte Zeichnung aus weißen dünnen Strichen an der Innenseite der lila Blüten gefiel mir besonders. Viele Jahre später erhielt ich eine Kunstkarte mit den Schwertlilien von Vincent van Gogh. Das Glück vor vielen Jahren vor dem Originalgemälde zu stehen genoss ich mit großer Freude. Dabei erfuhr ich, dass van Gogh die vielen Gemälde von Schwertlilien in seinem Todesjahr 1890 in der Nervenheilanstalt gemalt hatte. Für ihn waren die Schwertlilien „Blitzableiter seiner Krankheit“.

Unlängst blickte ich an einem ungewöhnlichen Ort in ein Meer von Schwertlilien, die Trauriges unter sich zu verbergen schienen. Oder deckten sie Leidvolles zu? Erst beim zweiten Blick erkannte ich die schwarzen Kreuze mit den weißen Christusfiguren, die namenlos aus dem Meer der Schwertlilien hervorragten. Ein Platz für gestrandete Menschen, aus dem Nass des Donaustroms leblos angeschwemmt. Menschen ohne Namen. Namenlos. Wer sind sie? Woher kamen sie? Was führte zu ihrem Tod? Unfall? Mord? Waren sie ihres Lebens überdrüssig?

Die Donau mit ihren Wasserstrudeln beförderte Treibgut an die Gestade in Wien-Simmering. Auch Ertrunkene wurden von der Strömung dort an Land geschwemmt. Namenlos. Wasserleichen. Wie starben sie? Warum? Jedes Grab weist eine eigene unbekannte Geschichte auf. Manche Identität konnte im Nachhinein erforscht werden.

Der Friedhof der Namenlosen liegt abseits des heutigen Albener Hafen, wo um 1700ein kleines Fischerdorf existierte. Schon seit 1840 wurden leblose Körper von Fischern mühsam aus der Donau geborgen. Sie wurden an jenem Ort begraben, wo sie das Wasser an Land gebracht hat. Ein christliches Begräbnis wurde ihnen nicht ermöglicht. Die Grabstellen wurden mit einfachen Holzkreuzen versehen.

Zwischen 1854 und 1900 sollen 478 unbekannte Tote dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Immer wieder überschwemmte das Hochwasser die Grabstellen. 1900 wurde der Friedhof an der heutigen Stelle errichtet, nachdem die Donauregulierung zum Schutz der Stadt angeordnet wurde. Ehrenamtliche übenahmen die Pflege. Seit 1935 gibt es eine von Freiwilligen errichtete Kapelle. Einmal im Monat wird dort ein Gottesdienst abgehalten. Durch die Donauregulierung und das Freudenauer Kraftwerk werden keine Leichen mehr angeschwemmt.

Bereits 1932 nahm sich Herr Josef Fuchs der Pflege der Gräber an. Nach dem Krieg sorgte er dafür, dass der verwilderte Friedhof wieder ein Ort der Erinnerung wurde. Er wollte den Grabstellen auf dem „Friedhof der Namenlosen“ ein würdigeres Gesicht geben. Jährlich wird zu Allerheiligen ein Floß mit Kerzen und Blumen in die Donau gebracht, um der namenlosen Toten zu gedenken. Wie weit es das Floß donauabwärts schafft?

© Eva Filice 2021-06-10

Von Tränen, Schmerz und Verzweiflung

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