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#kunst#kulturschock#kunstundhappening

Geschirrmesse vs. Kunstmesse

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Geschirrmesse vs. Kunstmesse | story.one

Was in meiner Biografie bisher (zu Recht) unerwähnt blieb, ist, dass ich Jahre lang, zweimal im Jahr für ein langes Wochenende in Salzburg war: Ich begleitete meine Mutter zu einer Fachmesse, half beim Aufbau des Messestandes und dann in Folge drei Tage lang beim Aufnehmen der Bestellungen und beim Vorstellen der neuen Ware. Ein sehr kleiner Geschirrgroßhandel inmitten einer großen Fachmesse, wo auch andere kleine und mittlere Firmen ihre Stände hatten, aber auch sehr große, bei welchen zuerst das Aufbaupersonal tätig war und dann erst die Verkäufer und Berater kamen.

Man hörte Sektkorken knallen und schrilles lautes Gelächter, wenn gute Abschlüsse gefeiert wurden. Sah aber auch leere Gänge und Messestände und den dann ebenso leeren Blick von Menschen, die bei schlechter Luft und dann ohne Beschäftigung stundenlang auf ein paar Quadratmeter „eingesperrt“ sind, obwohl die Messekojen jedenfalls an einer Seite zum Gang hin meist offen gestaltet wurden. Gestylte Menschen, die in eine Rolle geschlüpft sind für den Event, sei es als BeraterIn /VerkäuferIn oder als Kundin. Und Menschen, die einfach ihrem Beruf nachgehen, ohne das inszenieren zu müssen.

Als ich als Studentin der Malerei und Grafik das erste Mal auf einer Kunstmesse war, hatte ich den umgekehrten Kulturschock: Nicht ein Schock ob des großen Unterschiedes. Sondern ein Schock, weil eine Kunstmesse GANZ GENAU SO abläuft wie eine Geschirrmesse. Null Unterschied! (Nur gibt es noch mehr gestylte Menschen und „in Rollen-SchlüpferInnen“ und Getue.)

Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist Kunst Ware. Wird beworben. Zur Schau gestellt. Angepriesen. Mit Worten, Beleuchtung und Preisen.

Und hier verstehe ich Verunsicherung durchaus. Auf solchen Veranstaltungen ist es oft nicht die Qualität, die den Preis macht. Sondern die Quantität der Bekanntheit oder sogar nur die der Lautstärke des Aufmerksamkeitsheischens, die dann für den hohen Preis verantwortlich ist. So wie dann Menschen in Rollen schlüpfen für solche Events, tut es auch manchmal die Kunst. Und auffallende Räder schlagende Pfauen gibt es nicht nur im Tierreich. Wunderschön und schillernd und meist auch laut, aber können kaum fliegen.

Muss Kunst fliegen können? Oder schillernd und laut sein? Manchmal schafft sie beides! Manchmal aber nur zweiteres, dann kann sie einem auch bald mal zu viel werden und auf die Nerven gehen. Kunst, die fliegen kann, bringt einem an verschiedenen Tagen an verschiedene Plätze, Interpretationen, Ideen, Vorstellungen, Überraschungen. Lässt einen mitfliegen. Sie kann auch ganz leise sein, hat kein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, sondern ist einfach nur aufmerksam, merksam, merkwürdig im positiven Sinn, aufmerkend, vermerkend und bemerkenswert. Das ist mir selbst die liebere.

© Eva Hradil 2022-10-27

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