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#lüge#transportmittel#kunst

Gut für die Lüge und super für die Wahrheit

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Gut für die Lüge und super für die Wahrheit | story.one

Mit Kunst lässt sich anschaulich die Wahrheit sagen. Sie noch überhöhen. Sie infrage stellen. Politischen, zwischenmenschlichen oder ganz persönlichen Stimmen eine Gestalt geben. Kunst wird dann zum Träger von Inhalt. Zum Transportmittel. Manchmal auch zum Trojanischen Pferd.

Mit Kunst kann man wunderbar und überzeugend lügen. Behauptungen aufstellen. Zum Beispiel: ein Gesicht von Picasso gemalt; am Gemälde sieht man gleichzeitig die Frontalansicht des Kopfes und die Profilansicht. Diese Gleichzeitigkeit gäbe es in einer zweidimensionalen Ab-Bild-ung normal nicht, in der dreidimensionalen Realität eines Kopfes aber schon. Ist das Bild nun eine Lüge oder eine besonders genaue Wahrheit?

Ich male selbst auch gerne Portraits. Meist von Menschen aus meinem eigenen, nahem und fernerem Umfeld. Dabei fange ich die Haltung der Menschen gut ein. Die große Form. Und einige Bausteine der kleinen Formen. Manchmal stimmen Details zwar für sich, sind jedoch irgendwie zu hoch, zu tief, zu weit von der Mitte des Gesichtes oder zu nahe gemalt. Schweben quasi am falschen Platz. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo ich das jeweilige Modell in die Freiheit entlasse. Und ohne die Anwesenheit dieses Menschen weiter male. Ohne der vor mir sitzenden „Wahrheit“ arbeite ich all die vielen kleinen Versuchswahrheiten und Lügen zu einer neuen Wahrheit zusammen. Erkennbarkeit, obwohl mir eigentlich eher kleine „Lügen“ gelungen sind, weil diese in Summe dennoch zu einem Ergebnis kommen, das dem Ausgangsmenschen ähnlich ist. Vielleicht so wie, vereinfacht gesagt, aus 17 und 21 und 83 in Summe 121 wird; aus 14 und 27 und 80 aber auch?

Würde ich über „auf-Leinwand-ausgedruckte-Fotos“ malen, wie es durchaus Trend ist, dann hätte ich das „Problem“ der am falschen Platz schwebenden Augen und Nasen und Münder und Ohren nicht. Alles wäre am „richtigen“ Platz. Malen über Fotos wäre für mich selbst jedoch die größere Lüge. Schaut aus wie Malerei. Ist aber ein verkleidetes Foto. Ein Foto mit Malereipyjama. Und ich hätte das Problem der Langweile. Ich brauche eine spürbare Challenge um mich zur Arbeit zu motivieren. Neugierde und Forschergeist treiben mich zum Handeln. Nicht das „so rasch-wie-möglich-zu-einem-herzeigbaren-und-wiederholbaren-Ergebnis-Kommen“.

Bis auf so „technische Lügen“ liebe ich die Lüge in der Kunst. Weil sie so wahr wird. Wir erkennen die Lüge und spüren dennoch die neu geschaffene Wahrheit. In der Kunst kann eine Lüge zu einem absoluten Win-Win-Erlebnis werden. Wir sehen klar, dass wir angelogen werden, und lieben es genau dafür. Für die Meisterhaftigkeit mit der das geschieht. Für den Witz, der möglicherweise dahinterliegt. Für die Bedeutungsverschiebung, die dadurch hergestellt wird. Und die somit unseren Gehirnwindungen frischen Saft einschießen lässt. Solche Lügen – oder „neue Wahrheiten“ – schmieren dann die Gedankengänge von innen. (Und spülen Gewohnheits-Verkrustungen aus?)

© Eva Hradil 2022-10-31

Kunstmomente

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