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#garten#leistungsdenken

Von der Geduld

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Von der Geduld | story.one

Dieses Wort kenne ich im Normalbetrieb ja nur aus seiner Negativform, der Ungeduld. Doch dank des Gartens lerne ich dazu.

Es war der erste Winter, in dem ich ohne Oma-Zurufe für ihn zuständig war und auch gestalterisch begonnen hatte, Einfluss zu nehmen. So hatte ich im Herbst Tulpenzwiebeln in die Erde gesteckt. An einer Stelle, wo man die Tulpen auch vom Zimmer aus sehen würde. Und ich war schon sehr neugierig und vorfreudig darauf, quasi, ob sie auch tatsächlich erscheinen werden.

Später – im Februar – telefonierte ich mit einer sehr lieben Studienkollegin und Freundin, die gerade mit sich haderte. Sie tue nichts. Sie sei so faul, so unproduktiv. Sie ist so unglücklich damit. Sie komme nicht vorwärts.

Wer gerade in solch einer Stimmung steckt, dem hilft es wenig, wenn man beteuert, dass man diese Stimmung selbst leider kennt. Doch natürlich ist es so. Beim Telefonieren sah ich in den winterlichen Garten hinaus, erinnerte mich dabei an die schlummernden Tulpenzwiebeln, und dann überraschte uns beide mein selbständiger Mund mit einer Antwort:

Schau einmal, meinte dieser, schau einmal in Deinen Garten hinaus. Dort ist alles ruhig, nichts blüht, alles schläft unter einer Schneedecke und tut scheinbar rein gar nichts. Sind wir dem Garten böse, weil er „nichts tut“? Sagen wir ihm, er sei faul? Nein, natürlich nicht. Da wir ja wissen, dass alles Winterruhe hat und sich ausruht und vorbereitet auf die Kraft, mit welcher der Garten dann im Frühling aus sich herausbricht. Explosionsartig fast.

Und, wenn es dem Garten und der Natur gestattet ist, nicht nur produktive Zeiten zu haben, sondern auch die der Ruhe und des sich ZurĂĽcknehmens, warum wollen wir immer, immer, immer Leistung bringen mĂĽssen?

Eine andere Geduldsgeschichte ist die von kleinen Pflanzen. Wenn man diese nämlich umtopfen will, weil der Topf zu eng wurde, dann darf der neue gar nicht so viel größer sein. Die Pflanze braucht zum Wachsen den sogenannten Wurzeldruck – sie braucht zwar Raum zum Ausbreiten ihrer Wurzel, aber auch seine Grenzen.

In der freien Wildbahn sind das die Wurzeln von anderen Pflanzen, im Topf ist es der Topfrand. Ich glaube, so ist es beim Wachsen und Lernen auch bei uns. Wir brauchen dafür Freiheit und Raum und Nährstoffe. Und gleichzeitig Spielregeln innerhalb welcher wir unsere neuen Fähigkeiten einsetzen können. Weil, wie eine kleine Pflanze sich verloren fühlte, setzte man ein fünf Zentimeter hohes Pflänzchen gleich in ein Pflanzgefäß in Eimergröße, und dieses die Energie nur ins Wurzelmachen legen würde, weil es Berührung von Gleichgesinnten (oder die vorgetäuschte durch den Topfrand) sucht und vergäße nach oben zu wachsen, um dort durch neues Grün auch mehr (Licht-)Energie zu bekommen, so wollen auch wir und unsere Erkenntnisse wachsen.

Sich beim Lernen eine Aufgabe stellen, ein Ziel, einen Topfrand, der in erreichbarer Nähe liegt. Und einfach sich selbst öfters umtopfen, um Ziele zu erweitern, sie anzupassen.

Danke Garten. Danke Oma.

© Eva Hradil 2021-06-21

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