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#andalusien#sommerhitze

Andalusien-Sommer

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Andalusien-Sommer | story.one

Buchstaben purzeln in meinem Kopf herum, versuchen Wörter oder Sätze zu bilden, wirbeln von links nach rechts. Ich versuche sie zu bändigen, festzuhalten, vergebens. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Gerade war sie noch da die Idee, schon verabschiedet sie sich, verzieht sich in den hintersten Winkel meines Gehirns. Da sitzt sie fest und hinterlässt ein schwammiges Gefühl in meinem Kopf. Nein, es klappt nicht. Die andalusische Hitze lastet unbarmherzig wie ein Gewicht auf mir, wickelt mich ein, lässt mich nach einer Siesta sehnen. Oder nach schäumenden eiskalten Wellen, oder einem Eiskaffee im kühlen Schatten. Ich beschließe mit Letzterem zu beginnen, dann in den nicht so ganz eiskalten Pool zu springen und mich danach hinzulegen. So schleppt sich der Tag dahin. Das Thermometer klettert auf über 40 Grad, dazu absolute Windstille.

Dann plötzlich ein Aufatmen. Eine Brise weht ums Haus, eine Tür schlägt zu. In Erwartung der nahen Erfrischung gehe ich nach draußen. Eine unangenehme Überraschung: Es ist Poniente, der Westwind, der das Hinterland mit heißer Luft versengt, die sofort die Assoziation eines auf höchste Stufe eingestellten, offenen Backofens auslöst. So stehe ich da und überlege, was ich mit diesem Tag anfangen soll. Am besten ins kühle Haus zurück und aufs Bett legen. Deckenventilator an, die Wasserflasche daneben, ich überlege kurz, ob ich mich einem Buch widmen soll, und schon bin ich eingeschlafen.

Ich träume mal wieder von Afrika. Auch in meinem Traum ist es drückend heiß. Von meinem Platz unter einer Schatten spendenden Schirmakazie beobachte ich die Tiere am Wasserloch. Der Wunsch nach Kühlung ist so stark, dass ich aufstehe und mich zu den Tieren geselle, die durstig trinken. Sie laufen nicht weg, halten nur kurz inne, schauen mich mit ihren wunderschönen Augen an und senken wieder ihre Köpfe. Langsam wate ich in das kühle Wasser. Meine Füße wirbeln Sand auf, ich lasse mich fallen, schaue in den tiefblauen Himmel über mir. Eine Wolke hat die Form eines männlichen Löwen. Der Wind zerfranst das Bild. Ich treibe dahin und gehe irgendwo an Land. Wieder döse ich unter einem Baum, werde wach, weil mich etwas an den Füßen kitzelt. Es ist der Wolkenlöwe, der mit seiner rauen Zunge meine Fußsohlen leckt. Ich schrecke hoch.

Nicht der Löwe, sondern mein Hund beschäftigt sich mit meinen Füßen und signalisiert mir, dass er sich langweilt. Noch in meinem Traum gefangen, laufe ich mit ihm zum Pool, und wir genießen beide die Abkühlung. Ich liege auf dem Rücken und schaue in den Himmel. Kein Löwe mehr zu sehen.

Endlich verschwindet die Sonne hinter dem Berg. Die Nacht bringt Erlösung: Der Wind hat gedreht, bläst kühl und erfrischend ins Zimmer. Streichelnd bringt er mich fast zum Frösteln, und ich ziehe die Decke über meine nackten Schultern. Ein Frosch quakt, ein Hahn setzt zum Schrei an, bricht ab, er hat sich in der Zeit geirrt. In der Ferne höre ich noch die Glöckchen der Schafe, dann tauche ich wieder in meine Traumwelt ein.

© Evelyn Weyhe 2021-07-08

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