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Corona Hoffnung

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Corona Hoffnung | story.one

Jeden Morgen schwimme ich dankbar meine Runden im Pool, der blitzblaue Himmel über mir. Totenstille um mich herum. Nur die Vögel zwitschern frühlingstrunken, ab und zu höre ich einen Hahn in der Ferne krähen. Fast möchte man die Corona-Stille festhalten, die Natur wieder zu Wort kommen lassen.

Ich habe mir abgewöhnt Nachrichten zu schauen, überfliege morgens lediglich online Artikel und widme mich meinem Garten und meinen Hunden. Idyllisch. Wenn da nicht das nagende Gefühl der Trauer um die Trennung von meinen Kindern und Enkelkindern wäre. Nicht, dass ich sie dauernd besuchen könnte, auch ohne Corona, denn dafür leben wir zu weit auseinander. Aber lediglich das Gefühl sie nicht besuchen zu DÜRFEN, reicht schon aus, mir manchmal die Tränen in die Augen zu treiben. Wir hatten vor, diesen Sommer ein Familientreffen zu organisieren, hier bei mir in Andalusien. Per skype und whatsapp calls hatten wir uns schon ausgemalt, was wir alles unternehmen würden, die Vorfreude war groß. Ja, durch die moderne Kommunikationstechnik sind wir uns nahe, meine Tochter in Hamburg und mein Sohn in Kalifornien. Aus einem Treffen wird wohl dieses Jahr nichts werden, selbst wenn der lockdown komplett aufgehoben würde. Ich habe schon mal recherchiert: Die Ticketpreise sind dermaßen in die Höhe gegangen, dass erst einmal Reisen in unserem Budget gestrichen werden müssen.

Wenn ich dann mal jammere, dass alle so weit weg sind und ich neidvoll an meine Freundin denke, die beide Kinder und Enkelkinder in nächster Nähe hat, kommt das Argument meiner Kinder: Du hast das uns ja so vorgelebt! Stimmt, habe ich. Umziehen und reisen war ein Teil meines Lebens. Fünfundzwanzig Jahre Afrika und jetzt Andalusien – wie gut kann ich jetzt meine Mutter verstehen, die sich seinerzeit in eben dieser meiner Situation befand. Auch sie jammerte und weinte oft am Telefon, beklagte die Tatsache eine so weit entfernte Tochter zu haben. Sie besuchte uns jedoch zweimal jährlich und so blieben wir uns doch nahe. Kinder leben ihr eigenes Leben und man rückt als Mutter ein wenig in den Hintergrund. Trotzdem träume ich von sonntäglicher Kaffeetafel im Garten, mit Kindern und Enkelkindern. So ganz altmodisch mit schönem Geschirr und selbst gebackenem Kuchen. Hunde und Kinder tollen herum und am Kopf der Tafel sitze ich und bin stolz auf meine Familie! Ich vermisse das sehr.

Meine Tochter hat jedoch eine Hommage an ihre abenteuerliche Mutter geschaffen: In ihrem neuesten Buch „Lebenslinien“, das eine Serie facettenreicher Biografien aufzeichnet, ist mir das erste Kapitel gewidmet!

Ich freue mich auf die Tage „danach“ und fasse mich bis dahin in Geduld. Wer weiß, vielleicht klappt es ja doch mit der Kaffeetafel - zu Weihnachten am Kamin!

© Evelyn Weyhe 2020-05-08

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