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Fluch und Segen

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Fluch und Segen | story.one

Fluch und Segen

Plötzlich war sie da. Von einem Tag auf den anderen. Die lange verloren geglaubte. Die herbeigesehnte. Die wir nie hatten. Deren Nichtvorhandensein wir als Ausrede benutzten um gewisse Dinge, auf die wir keine Lust hatten, nicht zu tun.

Jetzt war sie da, die Zeit. Ein kleiner, unscheinbarer Virus hat sie uns geschenkt. Wir sollten dankbar sein, wenn nicht die Folgen so verheerend wären. Hilflos stehen wir da und überlegen, was wir mit diesem kostbaren Geschenk anfangen sollen. Wohl dem der ein home office unterhält und seine Arbeit mit nachhause nehmen kann. Oder der einen Garten hat, in dem er die jetzt notwendige Frühlingsarbeiten in Angriff nehmen kann. Oder der Keller und Speicher hat, die schon lange ungeduldig warten sortiert und aufgeräumt zu werden. Oder, oder. Eigentlich sollten wir alle dankbar sein, mehr Zeit zu haben. Für uns, unsere Kinder, unsere häuslichen Belange, endlich mal wieder ein Buch zu lesen, oder die Spielesammlung hervorzukramen.

Ich mache mich auf die Suche nach der Zeit. Für mich ist es absolut wunderbar, einen Tag vor mir zu wissen, den ich nach meinem Dafürhalten planen kann! Den Luxus zu genießen, so lange im Bett zu bleiben und mit einer Tasse Kaffee online die Zeitung oder ein Buch zu lesen. Danach dann im Bad herumzutrödeln und bei schönem Wetter auf der Terrasse zu sitzen und die Stille auf sich wirken zu lassen. Und danach – man wird sehen.

Ich recherchiere mal im Internet nach dem Begriff „Zeit“. Hier findet man zahlreiche Zitate und Gedanken dazu.

„Der richtige Umgang mit Zeit ist eine der wertvollsten Fähigkeiten, die es gibt.“ Und:

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Sagte Seneca seinerzeit.

„Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.“

„Verschwendete Zeit ist Dasein. Gebrauchte Zeit ist Leben.“

Das klingt ernst und ich bekomme sofort ich ein schlechtes Gewissen. Habe ich heute schon meine Zeit genutzt, schon was angepackt und gehandelt? Wo ist das „carpe diem“ abgeblieben? Mit eingezogenem Schwanz öffne ich diverse Schubladen und Schränke. Aber macht es wirklich Sinn diese jetzt auszumisten? Wohin dann mit dem Kram? Ich darf ja nicht raus, um die Sachen zu einem Wohltätigkeitsladen zu bringen. Dann lieber putzen. Unlustig sauge und wische ich herum. Draußen scheint die Sonne, sollte ich nicht doch lieber die Zeit so nutzen? In der Sonne faulenzen, oder im Garten werkeln? Ich überwinde meinen inneren Schweinehund und bringe das Bad auf Vordermann. Doch dann halte ich inne. Wozu dieser Schwachsinn! Endlose Tage und Wochen, eventuell auch Monate, liegen vor mir. Wenn ich gerade jetzt in der Sonne liegen möchte, dann werde ich das tun. Ich schnappe mein Buch und lasse mich erlöst in den Liegestuhl fallen.

Da lobe ich mir doch das Zitat von einem Paul Bertololy, Arzt und Schriftsteller:

„Die Zeit ist eine Erfindung der menschlichen Unrast, der Erfüllte kennt sie nicht!

© Evelyn Weyhe 2020-03-28

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