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#andalusien#geisterwelt

Geisterhaus

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Geisterhaus | story.one

Ich verliebe mich sofort in dieses etwas heruntergekommene Haus. Stolz führt mich der Besitzer herum, erklärt mir jede Pflanze, jeden Baum, alles selbst gepflanzt. Und hier unter diesem Feigenbaum haben sie im Sommer immer gefrühstückt, er und seine Frau, als sie noch lebte. Jetzt, was sollte er damit noch, die Erinnerungen schmerzen, und er selbst leidet an Parkinson.

Wir gehen durch das Haus. Das runde Wohnzimmer mit dem Kamin in der Mitte hat es mir besonders angetan. Gleich gegenüber die Tür zum Schlafzimmer. Im Winter kann man vom Bett aus ins Feuer schauen, erklärt mir Antonio. In einem anderen Schlafzimmer öffnet er den Schrank. Ein aufgescheuchter Mottenschwarm sucht sich den Weg ins Freie. Kleidungsstücke aus anderen Jahrhunderten, goldbestickt, Seide, Tüll, Samt. Er ahnt meine Frage. Du kannst sie alle haben, wir haben oft kostümierte Dinnerpartys und Seancen abgehalten, meine Frau liebte das. Sie war eine ganz besondere Person. In diesem Zimmer ist sie gestorben. Seine alten Augen schwimmen in Tränen.

Das Haus wird ein Schmuckstück. Afrika in Andalusien. Meine Möbel und Bilder aus Kenia passen hervorragend. Ich richte einen privaten Dinner Club ein, bewirte meine Gäste und vermiete Zimmer an Feriengäste.

Manchmal, wenn ich alleine bin, habe ich das Gefühl, dass jemand im Zimmer ist. Wie ein Hauch, eine Ahnung nur.

Eines Abends im November sitze ich lesend in meinem Bett. Auf meinen Beinen liegt schlafend die Katze. Plötzlich sträubt sich ihr Fell, und mit ihren riesigen Augen starrt sie auf die Tür, die sich langsam öffnet. Mein Herzschlag setzt für einen Augenblick aus, auch mir sträuben sich die Nackenhaare und auch ich starre auf die sich öffnende Türe. Hallo? Meine Stimme hört sich krächzend an.

Ich stehe auf, laufe durch alle Zimmer, nichts. Es ist niemand im Haus, alle Fenster sind zu. Ich öffne die Schiebetür und trete auf die Terrasse. Die Nacht ist still, nur winterlicher Wind pfeift ums Haus. Es riecht nach Regen.

Ich setze mich im Wohnzimmer in einen Sessel. Wieder habe ich das Gefühl nicht alleine zu sein. In diesem Augenblick fällt ein Buch aus dem Regal. Nur eins. Ich denke an die Katze, ob sie vielleicht hinter den Büchern herumklettert, aber sie liegt entspannt auf dem Bett. Ich hebe das Buch auf und bekomme eine Gänsehaut:

Das Geisterhaus von Isabel Allende!

Aber so verrückt es klingt, es ist nicht beängstigend, es ist mehr so, als mache sich jemand einen Spaß, jemand, der sich von diesem Haus nicht lösen kann. Gibt es so etwas? Ich lächle und denke plötzlich an die verstorbene Frau von Antonio. Geistert sie hier rum? In Gedanken spreche ich mit ihr, erzähle ihr, wie sehr ich ihr Haus liebe.

Am nächsten Morgen weiß ich nicht, ob ich das alles nur geträumt habe. Aber auf dem Wohnzimmertisch liegt „Das Geisterhaus“.

© Evelyn Weyhe 2020-08-22

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