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Hundezählen

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Hundezählen | story.one

Wenn andere Schäfchen zählen wenn sie nicht schlafen können, zähle ich Hunde. Sie ziehen an mir vorüber, einer nach dem anderen. Meine eigenen Hunde, Hunde die mir zugelaufen sind und die ich dann weitervermittelt habe, Hunde auf die ich aufgepasst habe. Ich versuche mich an ihre Namen zu erinnern und zähle mit. Bei zwischen fünfzig und sechzig schlafe ich ein.

Mit Bobby fing mein Hundeleben an. Ein scherenschleifender Zigeuner verkaufte ihn meinen Eltern an der Haustür. Der weiße Mini-Eisbär schlich sich sofort in mein Kinderherz. Endlich hatte ich einen echten Hund und musste nicht immer meinen Stoffdackel um die Häuser ziehen, dem davon schon die Sägespäne aus den krummen Beinchen rieselte. Ich weinte tagelang als Bobby an Staupe starb.

Der nächste Hund war Bingo. Eine Bekannte hatte die Folge einer Mesalliance zwischen Pudel und Schäferhund in der Nachbarschaft verteilt. Er liebte Vollmilchschokolade, schlief unter meiner Bettdecke und war mein treuer Begleiter. Als ich längst aus dem Haus war, lebte er als Kindersatz bei meinen Eltern, bis er mit siebzehn Jahren friedlich einschlief.

Dann in Afrika folgte Astor ein langhaariger Schäfermischling. Für zwölf Jahre eine von mir und meinem Mann geliebte Pestbeule. Er war ein Killer und Beißer von klein auf. Wir bekamen Anzeigen und sogar Morddrohungen von gestressten Hundebesitzern, keine Versicherung nahm uns mehr auf. So blieb er bis zu seinem Ende im Garten und ließ seinen Frust an den armen Goldfischen aus, die er mit der Pfote aus dem Teich wischte.

Es folgten zwei Rhodesian Ridgebacks, Ariane und Ambo, die wir von einem Freund geschenkt bekamen, sowie Purzel, ein schwarzer Mischling, der winzig und voller Flöhe und Zecken nachts mitten auf der Straße saß. Dann Pancho, der mit noch geschlossenen Augen aus der Mülltonne gefischt, und Ariane, die gerade Junge hatte, an die Brust gelegt wurde. Dann noch ein Bingo, der eines Tages im Büro unter dem Schreibtisch hockte und wie selbstverständlich abends mit ins Auto sprang.

Dann folgten unzählige gefundene und geschundene Kreaturen, die von uns aufgepäppelt und in ein neues Zuhause entlassen wurden. Beim Hundezählen vor dem Einschlafen komme ich da leicht ins Schleudern.

Meine nächste Lebensstation war Andalusien. Hier ging es munter weiter. Zu den zugelaufenen und geretteten Hunden, kamen nun noch Gasthunde, die ich betreute und Pflegehunde, die ein Zuhause bis zum Abflug nach Deutschland benötigten. Im Nu war ich mitten in einem Tierschützer-Vermittler-Verbund. Ich lernte auch mal NEIN zu sagen. Sehr schwierig, wenn man in Hundeaugen schaut!

Aus dieser Zeit sind mir vier Hunde geblieben. Wieder ein Bingo, dann folgten Seppi, Milli und Sadie.

Ich liebe sie alle heiß und innig. Speziell wenn sie bei meinen Yogaübungen auf mir rumturnen. Endlich hat sie begriffen wo sie hingehört, scheinen sie zu sagen, nämlich zu uns hier unten auf die Erde. (Sonst natürlich auch immer gerne auf dem Sofa).

© Evelyn Weyhe 2020-05-17

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