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Jugendweisheit

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Jugendweisheit | story.one

Ist es wirklich so, dass man mit zunehmenden Alter die Jugend belächelt? Die schreckliche Musik, die durchlöcherte Kleidung, den merkwürdigen Stil der männlichen Frisuren, die ständige Präsenz in diversen social medias, die joints – die Liste kann beliebig verlängert werden.

Da fällt mir ein wie mein Vater hinter seiner Zeitung hervor sah, die Brille zurechtrückte und mich sprachlos musterte, wenn ich mich verabschiedete um mich mit meinen Freunden zu treffen. Hautenge Jeans, die vorher noch am Körper in der Badewanne sitzend in die richtige Form gebracht worden waren, langer Schlabber-Pullover, darüber ein bodenlanger Maximantel, Stiefel. Blassrosa Lippenstift, schwarz umrandete Augen, lange glatte Haare, bevorzugt noch gefärbt. Aus meinem Zimmer drang dröhnend „I can´t get no satisfaction“ von den Rolling Stones.

Da spüre ich doch Ähnlichkeiten!

Auf nach Schwabing zum Pflastermalen, wie kamen wir uns existentialistisch vor! Mit dem gesammelten Geld ging es dann in den „Hahnhof“ wo wir es in Weißwein umsetzten. Das köstliche Schwarzbrot war umsonst, die Maggiflasche gab die entsprechende Würze. Trotzdem war um 12 „Zapfenstreich“ und mein Vater wartete an einem verabredeten Punkt um mich abzuholen.

Meine Eltern haben sicherlich in dieser Zeit, oftmals geseufzt und die „gute alte Zeit“ herbeigesehnt, aber sie waren tolerant und haben vieles still geduldet. Sie wussten mit der Weisheit des Alters: Das geht vorüber!

Ich bin froh, dass ich in diesen Jahren in eine nette Clique hineingeraten bin. Außer Wein keine weiteren Sünden. Drogen waren verpönt. Wir verstanden uns als intellektuellen Nachwuchs einer verlorenen Kriegsgeneration. Der alte Zopf musste ab! Literaturabende mit Werken der Gruppe 47, bei denen zu später Stunde immer einer zur Gitarre griff und Degenhart-Lieder zum Besten gab, politische Diskussionen und Demos, am Wochenende zum Baggersee zum Grillen.

Ich bin heute noch in Kontakt mit meinen Freunden von damals und immer wenn ich in München bin, treffen wir uns im Hofbräukeller am Wiener Platz. Wir haben uns nur äußerlich verändert, im Herzen sind wir so wie wir waren – jung!

Aber leider nur im Herzen. Was würde der eine oder andere dafür geben noch einmal diese jugendliche Sorglosigkeit leben zu dürfen, egal welcher Zeitgeist gerade herrscht. Bis morgens durchmachen, ob der Wecker klingelt und eine Schularbeit ansteht, macht nichts. Einen Abhang im Tiefschnee herunterfahren, ohne zu wissen, was einen erwartet, eine Rucksackreise ohne Planung ins Ungewisse antreten. Einfach das Leben in seiner Schönheit und Fülle einatmen. Da sind wir „Alten“ auf jeden Fall im Nachteil. Erfahrungen aller Schattierungen haben uns gelehrt vorzusorgen, auf Nummer sicher zu gehen, nichts zu riskieren.

Schade eigentlich.

Ich bin dieses Jahr mal wieder jung: Mit meinem alten Wohnmobil und meinen Hunden mache ich mich auf den Weg durch Andalusien. Sorglos. Aber Öl und Reifendruck werde ich vorher prüfen!

© Evelyn Weyhe 2020-08-11

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