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#andalusien

Kuschelecke

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Kuschelecke | story.one

Das Haus ist so winzig, dass jedes Möbelstück wohl überlegt platziert werden will. Ein zusätzlicher Kuschelplatz vor dem Kaminofen muss aber sein. Zumal man von dort auch noch einen atemberaubenden Blick über den Atlantik bis hinüber nach Marokko hat. Die kleine Stadt Tarifa liegt nachts wie eine funkelnde Halskette da, als hätte eine Riesin diese achtlos über die Hügel geworfen.

Ein deutscher Schreiner, den ich zufällig bei der Post kennengelernt habe, macht sich ans Werk, genau an diesem Platz bei der Terrassentür eine maßgeschneiderte Kuschelecke zu basteln. Ich möchte noch eine Rundung, um dem Möbelstück die Strenge zu nehmen. Nach ein paar Tagen ist das Meisterwerk fertig. Jetzt fehlt nur noch die Matratze. In der Altstadt, gleich durch den Torbogen rechts, da soll er sein. Es ist 11 Uhr morgens, der Laden ist geschlossen. Kein Schild zu sehen, auf dem stehen könnte „Komme gleich wieder“ oder so etwas. Macht nichts, Tarifa hat viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Der Markt ist gleich nebenan, und leider auch meine Lieblingsboutique. Jetzt noch schnell einen Kaffee, und zurück geht es zum Polstergeschäft. Ich habe eine Schablone des Sitzmöbels angefertigt und bespreche mit dem Meister Füllung, Futter und Stoff. Wir einigen uns schnell. Er nennt mir ein Datum und schreibt meine Adresse auf.

Zwei Wochen nach dem vereinbarten Termin schaue ich mal in seinem Laden vorbei. An seinem Blick erkenne ich, dass er mich nirgends einordnen kann. Eine Schablone? Nein, so etwas hat er nicht. Ich deute auf meine Rolle, die neben anderen Rollen, einem Schirm, einem Spazierstock und einem umgekehrten Besen in einer Holzkiste stehen. Die? Ach so, nein, dazu sei er noch nicht gekommen. Welcher Stoff sollte es denn sein? Ich erinnere ihn an sein Büchlein, in dem er alles notiert hatte. Gemeinsam blättern wir zurück, bis wir seinen Eintrag finden.

Also das ist einfach. Gleich nächste Woche wird er liefern. Ich bitte ihn, mich unbedingt vorher anzurufen, da ich auch mal unterwegs sein könnte. Kein Problem, Telefonnummer wird nochmals notiert.

Inzwischen habe ich das Sitzmöbel mit einer normalen Matratze versehen und mittels einer bunten Decke und unzähligen Kissen in einen richtigen Hingucker verwandelt. Eigentlich brauche ich die angefertigte Auflage gar nicht mehr.

Ich mache mich auf den Weg ins Dorf. Bei dem Polsterer will ich auch vorbei. Vielleicht habe ich ja Glück, und er hat es wieder vergessen. Ein kleiner Lieferwagen kommt mir entgegen. Etwas Weißes, Hohes ragt über die Führerkabine. Ich bremse und sehe wie das Fahrzeug an meinem Haus vorbeifährt. Mein innerer Schweinehund kommt zu Wort: Lass ihn doch, der findet dich nie! Meine gute Erziehung siegt. Ich warte bis er zurückkommt, winke und lasse ihn die Matratze ins Haus bringen.

Steinhart das Ding, die Rundung ist auch nicht berücksichtigt, scheußlich.

Ich schenke das gute Stück meiner erfreuten Vermieterin, die es als Hundekissen einsetzt.

© Evelyn Weyhe 2020-09-07

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