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#trauer#neuanfang

Neuanfang

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Neuanfang | story.one

Der Vollmond schiebt sich orangerot hinter der Bergkette hervor und sendet kurz darauf sein milchiges Licht auf die Erde. Die Sterne ziehen sich diskret zurĂŒck und ĂŒberlassen dem Mond die Show. Zikaden zirpen um die Wette, von weiter her ruft ein KĂ€uzchen seine Botschaft in die Nacht.

Der Tisch ist ganz im Stil von Karen Blixens „Jenseits von Afrika“ gedeckt, die Catering Firma hat ganze Arbeit geleistet. Die SafaristĂŒhle passen farblich zur Tischdekoration, die Zyklam-Farbe der Bougainvillea BlĂŒten findet sich in den Servietten wieder. Dezent erklingen Mozart Sonaten im Hintergrund, die SektglĂ€ser klirren. GelĂ€chter und GesprĂ€chsfetzen rauschen an mir vorĂŒber. Höflich beteilige ich mich am Small Talk, nippe an meinem Glas und lĂ€chle meinen GesprĂ€chspartnern zu. Die Gastgeberin legt ihren Arm um meine Schultern und zieht mich fort. Wir stehen auf der Terrasse um diese herrliche, afrikanische Nacht zu genießen. Ich bin ihr dankbar, dass sie mich aus der Runde geholt hat. NatĂŒrlich folgt die Frage wie es mir geht. Was soll ich antworten? Wie geht es mir eigentlich? Ich bin mit 36 Jahren Witwe geworden, habe 2 Kinder, eines davon nur wenige Wochen vor dem Tod meines Mannes geboren. Das ist gerade einmal 2 Monate her.

Ich stehe da mit meinem Sektglas und weiß keine Antwort. NatĂŒrlich bin ich fĂŒr vieles dankbar, fĂŒr die schönen Jahre mit ihm, fĂŒr meine Kinder, fĂŒr meine Arbeit und mein Leben. Es wird dauern, bis ich die Antwort auf die Frage geben kann: Ja, es geht mir gut, bestens, danke der Nachfrage, könnte nicht besser gehen! Heute Abend bin ich dankbar, dass ich eingeladen bin bei Menschen die mich kennen und mögen und ich beschließe den Abend zu genießen.

Wir werden zu Tisch gebeten. Es gibt eine Sitzordnung und ich suche mein Namensschild. Jemand zieht meinen Stuhl zurĂŒck. Mein Tischnachbar stellt sich vor, ein Besuch der Gastgeberin aus Deutschland. Er ist der bestaussehende Mann an der ganzen langen Tafel, charmant und gebildet, ein interessanter GesprĂ€chspartner, wie sich im Laufe des Abends zeigt. Ich trinke zu schnell und bin bereits ein wenig berauscht als die Vorspeise gereicht wird. Schon am Ende des Hauptgangs fragt er mich, ob er mich wiedersehen kann.

Ich warte das Dessert nicht ab, entschuldige mich bei ihm, nehme meine Handtasche und bewege mich Richtung Waschraum. Von hier gelange ich unbemerkt zur HaustĂŒr und stehe draußen in der warmen Nacht. Ich will nur weg. Das Tor ist verschlossen, der WĂ€chter ist sicher in der KĂŒche. Ich ziehe meine Schuhe aus und klettere ĂŒber das Eisengitter nach draußen.

Im Auto sitzend lege ich meinen Kopf auf das Steuerrad und lasse meine Trauer zu, die ich zu lange unterdrĂŒckt habe. Im Alltag muss ich stark sein, fĂŒr meine Kinder und mich. Jetzt fĂŒhle ich mich befreit in dieser mondhellen Nacht. Ich lasse den Motor an und fahre langsam nachhause.

Im Radio singt Demis Roussos: Goodbye my love goodbye.

Das Leben geht weiter.

© Evelyn Weyhe 2021-02-01

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