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Abgebrannt

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Abgebrannt | story.one

In den 70-Jahren war ich als unsteter Fliesenleger unterwegs. In einer Tiroler Bahnhofswirtschaft kam ich mit einem Eisenbahner ins Gespräch. Weil er mir sympathisch war, erzählte ich ihm von meinem Malheur, als mich im Alkoholschlaf irgendein Ganove um meinen Rucksack, meine Brieftasche und die Armbanduhr gebracht hatte.

„Und jetzt?”, fragte der Eisenbahner, „was machst du jetzt?”

„Keine Ahnung. Ich brauche einen Job, möglichst mit Quartier. Es wird schwer werden, aber das bin ich als Wanderarbeiter gewöhnt.“

Franz, so hieß der Mann, schaute mir prüfend in die Augen, dann sagte er: „Ich habe eine Idee. Mein Schwager ist ein Fliesenleger, ich glaube mich zu erinnern, dass er beim letzten Stammtisch, von zu wenig Facharbeitern gesprochen hat. Also, im Fall der Fälle: kannst du dir vorstellen, hier zu arbeiten – allerdings ohne Saufen?“

Was für eine Frage! Natürlich sagte ich „Ja” und versicherte, dass ich vom Trinken endgültig die Schnauze voll habe. „Okay, Ferdl, dann ruf ich ihn an“, sagte er und verschwand hinter der Theke.

Meister Schmitz, der Schwager des Eisenbahners, war hocherfreut, endlich einen Fliesenleger gefunden zu haben. Er hatte auch die passende Baustelle für mich. Hoch über dem Tal stand ein Kloster, das gerade zu einem Seminarhaus umgebaut wurde. Per Handschlag besiegelten wir unsere Zusammenarbeit für die nächste Zeit.

Das gewaltige, weithin sichtbare Kloster mit Spitzturmkirche und Stallungen bildete eine beeindruckende Kulisse. Vor der Pforte empfing uns Bruder Engelbert im schwarzen Habit. Schmitz kannte er schon von früheren Aufträgen. Er versicherte mir, dass ich bei ihm und seinen Brüdern bestens aufgehoben wäre und geleitete mich zum Gästezimmer, das für diesen Sommer meine Unterkunft sein sollte. Der Raum war einfach eingerichtet. Der massiv gefertigte Tisch aus Eichenholz beherrschte den Raum, in einer Nische stand das frisch bezogene Bett. Auf dem Nachttisch lag eine edle Bibel mit prächtigem Goldschnitt und rotem Seidenband. Ein kunstvoll geschmiedetes Fenstergitter vermittelte Sicherheit, ließ aber den fantastischen Blick zu den Schneebergen frei. Es war schön hier, ich war mehr als zufrieden. Wenn ich da an die letzte Nacht dachte, wäre jetzt ein „Vergelt's Gott“ angebracht gewesen, schließlich war ich in einem Gotteshaus. Oder sollte ich einfach sagen – Schwein gehabt?

Eigentlich wollte ich Schmitz um einen Vorschuss bitten, aber dazu fehlte mir die Kraft. Für Zigaretten würde mein Geld reichen – vom Trinken hatte ich vorerst genug. Eine tiefe Zufriedenheit stieg in mir auf.

„Wo ist Ihr Gepäck”, fragte Bruder Engelbert. Ich winkte ab und log: „Kommt morgen.“ Er zeigte mir noch Toilette und Dusche. Überhaupt war er sehr besorgt um mich. „Sie sehen müde aus”, stellt er lapidar fest, „ich bringe Ihnen das Abendessen auf das Zimmer.“

„Ja, mir ist alles recht. Vielen Dank Bruder Engelbert.“

Wieder einmal gerettet, dachte ich und sah einer friedlichen Nacht entgegen.

© Ferdinand F. Planegger 2021-05-04

schuledeslebens Geschichten aus dem Leben mein Arbeitgeber: Teufel oder Engel?Der eigene Rucksack

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