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Blackout - Nix für Spießbürger

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Blackout - Nix für Spießbürger | story.one

„He, Sie! Aufwachen! Stehen Sie auf! Können Sie sich ausweisen?“

Ich erwachte und wusste nicht, wo ich war. Es roch nach Metall, kaltem Schweiß und heißem Öl, den Geruch kannte ich: Es roch nach Bahnhof. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Mein Blickfeld war eigenartig schräg verdreht.

„Na komm schon, steh auf! Das hier ist ein Warteraum und kein Schlafplatz!”

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich auf einer Bank lag, darum diese schiefen Bilder. Ich setzte mich zu schnell auf und kippte dabei fast vornüber. Ein ungewollter Slapstick. Mein schiefes Lächeln zu den beiden Gendarmen vor mir, blieb unerwidert.

„Also nochmal: Ausweis und Fahrkarte. Woher kommst du?”, fragte einer der Beamten, während sein Kollege eine halbleere Whiskey-Flasche vom Boden unter der Sitzbank aufhob und daran schnüffelte.

„Aha, feinster Scotch, ist wohl ein Feinspitz der Herr?”

Derweil suchte ich verzweifelt meine Brieftasche, fand aber nur Kleingeld, einen zerknitterten Hunderter und Zigaretten. Keine Brieftasche, kein Ausweis. Plötzlich war ich hellwach.

„Meine Reisetasche, wo ist meine Reisetasche? Mein ganzes Hab und Gut ist da drin. Die Tasche ist weg. Alles ist weg. Meine Uhr auch. Irgendjemand hat mich abgeräumt, bestohlen. Verdammte Scheiße, gottverdammte Sauferei!”

Die Gendarmen redeten leise miteinander, ich konnte ihrem Dialog entnehmen, dass sie mir kein Wort glaubten. Schlimmer noch, sie vermuteten in mir jenen Dieb, der in letzter Zeit die Supermärkte der Gegend heimsuchte und Spirituosen stahl. Ihre Mienen sprachen Bände, sie waren überzeugt, mit mir einen guten Fang gemacht zu haben. Ich konnte nichts dagegen tun, ich war eindeutig in der schlechteren Position. Ich hatte Durst und nichts zu trinken, mein Whiskey, von dem ich selbst nicht wusste, woher ich ihn hatte, war ja konfisziert.

„Du kommst mit auf den Posten, wir werden deine Identität überprüfen und schauen was Du sonst noch alles ausgefressen hast. Wie heißt du?”

„Ferdinand.”

„Wie noch? Und wo ist die Beute?”

„Was für eine Beute?”

Die Beamten nahmen mich in die Mitte und „begleiteten“ mich auf den Posten. Der Kommandant schnauzte mich an: „Räum’ deine Taschen aus, zieh’ deine Jacke aus und leg’ alles hier auf den Tisch. Ist das alles was du besitzt? Hast du keine Schlüssel? Jeder Mensch besitzt doch einen Wohnungsschlüssel.”

„Ja, aber nur wenn er eine Wohnung hat“, sagte ich.

„Werd´ nicht frech! Aufstehen, Schuhe ausziehen, Hände seitlich ausstrecken! Ja, genau so. Immer schön ruhig bleiben.“ Und dann: „Wo warst du gestern Abend?”

Langsam begann mein Hirn zu arbeiten. Mir fiel ein, wo ich gestern Abend war und das sagte ich auch. Woher ich den Whiskey hatte, wusste ich leider nicht. Ich werde doch nicht …? Nein, das glaube ich nicht! Ich bin kein Dieb. Das einzige Verbrechen, das man mir vorwerfen kann, begehe ich mit meiner Sauferei an mir selbst. Das ist ja nicht verboten, oder? Ganz sicher war ich mir aber nicht.

Eine Stunde später durfte ich gehen. Wohin? Keine Ahnung.

© Ferdinand F. Planegger 2020-04-20

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