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Abstieg zum Traumstrand

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Abstieg zum Traumstrand | story.one

Die Aussicht vom Mirador del Rio war atemberaubend: Die Insel La Graciosa lag im Sonnenschein neben weiteren Inselchen und dahinter erstreckte sich der unendlich wirkende Horizont. Der Aussichtspunkt im Norden der Insel war höhlenartig in den Felsen geschlagen und mit Panoramafenstern ausgestattet worden. Wie immer schlich ich herum, erkundete jeden Winkel und so kam es, dass ich mich am Ă€ußersten Rand der Terrasse ĂŒber das GelĂ€nder beugte und nach unten schaute. Ich traute meinen Augen kaum: Am Fuße des Massivs war ein langer Sandstrand auszumachen und zumindest aus der Entfernung waren keine Menschen darauf zu sehen. Sofort teilte ich die Entdeckung mit meiner Frau – einer absoluten Liebhaberin von Meer und Sand – und sie wurde ganz aufgeregt: „Da mĂŒssen wir hin! Schau, da sind keine Leute! Wie kommen wir dort hin?“ Diese Frage reichte ich an die Landkarte des ReisefĂŒhrers weiter und siehe da, wĂ€hrend ich die Karte studierte, zeigte sich mir eine Möglichkeit.

„Es könnte uns ein wenig Körpereinsatz kosten, bevor wir uns in die Fluten werfen können“, sagte ich.

„Völlig egal! Worauf warten wir?“

Wir verließen schnellen Schrittes den Mirador und sprangen ins Mietauto, meine Frau am Steuer, ich navigierend daneben. Wie Ilka Petrasko fĂŒhrte ich uns ĂŒber das Hochplateau und gab schließlich die finale Anweisung, rechts abzubiegen: Ein mit runden Steinen gepflasterter Weg fĂŒhrte uns zu einem verlassenen Parkplatz. Den Scherben nach zu urteilen hatten hier schon einige Autoscheiben ihr Leben gelassen.

„Sind wir hier richtig?“, fragte meine Frau.

„Lass es uns herausfinden!“

Schnell wechselten wir von Flipflops zu festem Schuhwerk, verstauten sĂ€mtliche WertgegenstĂ€nde in den RucksĂ€cken und eilten auf eine Klippe zu. Neben dem traumhaften Blick ĂŒber das Meer bot sich auch eine GesamtĂŒbersicht der Felswand unter uns. Die schmale Linie auf der Karte zeigte sich nun in Gestalt eines Steiges, der steil nach unten als einziger Weg zu diesem sandigen Traum fĂŒhrte. „Los, runter mit uns!“, rief ich lachend und der Abstieg begann. 40 Minuten spĂ€ter waren wir am Fuße angekommen und das Ziel lag in greifbarer NĂ€he. Hinter dem nĂ€chsten Felsen lag er vor uns: Der einsame Sandstrand mit seinem tĂŒrkisblauen Meer. Sofort testete meine Frau das Wasser und ich drehte eine Runde, entdeckte ein paar Felsburgen, die vor dem Wind schĂŒtzten, Spuren von Lagerfeuern, aber weit und breit keine Menschenseele. Es war ein wenig unheimlich und ich stellte mir die Frage: „Wie kann ein so wunderschöner Platz so menschenleer sein?“ Da es bereits spĂ€ter Nachmittag war, blieb dieser erste Besuch eine Stippvisite, die steile Bergetappe zu unserem Auto wartete.

Seitdem waren wir oft an diesem Lieblingsort; manchmal entdeckten wir sogar andere Leute, doch nie mehr als 20 auf ĂŒber 3 Kilometern. Erst im Laufe der Jahre erfuhren wir, dass die Einsamkeit des Strandes schlicht in seiner unwegsamen Lage begrĂŒndet war; als Bergfexe hatten wir daran nie gedacht.

© Verena Lechner 2021-03-17

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