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#1sommer1buch#bergerlebnis#changesinlife

Ganz bei mir

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Ganz bei mir | story.one

Der Nebel wurde wieder dichter, als ich vom Parkplatz aufbrach. Ob es eine gute Idee war, mir diesen Tag für meine erste Wanderung allein auszusuchen? Keine Ahnung, ich startete einfach los. Ein Schritt nach dem anderen; ich kannte den Weg, war ihn unzählige Male gegangen, bloß noch nie mit mir selbst. Wie viele Worte waren auf dieser Route über die großen und kleinen Dinge des Lebens gesprochen worden? Jetzt war es still. Der Nebel schluckte die Umgebungsgeräusche und mein Mund blieb verschlossen. Die Gedanken, die ich sonst aussprechen konnte, schwirrten durch meinen Kopf. Auf den ersten Metern war es noch beklemmend, doch mit jedem Schritt wurde ich freier. Auch meinen Rhythmus suchte ich anfangs lange und ließ mich vom Tempo der wenigen anderen Wanderer beeinflussen. Mit jedem Höhenmeter kam ich mehr und mehr ins Gehen und es wuchs das Vertrauen, dass ich nicht nur Fremden ein guter Guide sein konnte, sondern auch mir selbst. Jedes Aufsetzen meines Fußes auf dem Boden brachte mich ein Stück weiter den Berg hinauf und ein Stück mehr zu mir. Ich stand in meinem Leben an einer Gabelung und wusste nicht, in welche Richtung ich weitergehen sollte. Deshalb war es mein Wunsch gewesen, dem Alltag und der Stadt zu entfliehen und in der Stille meiner inneren Stimme zu lauschen. Bis jetzt hatte ich mich nicht getraut, einen Berg ohne meine Kameraden zu besteigen; ich hatte mich hinter ihnen und der „Sicherheit“ versteckt, sie als Schutzschild genommen. Das genügte mir nicht mehr. Ich spürte, dass der Zeitpunkt gekommen war, meinen Weg unabhängig von anderen zu bestreiten. Diese Tour sollte die Initialzündung sein. Der Nebel ließ mich genauso weit sehen, um gefahrlos voranzukommen – eine mystische Stimmung. Schritt für Schritt, Griff für Griff überwand ich die Schlüsselstelle und trat auf den weichen Almboden. Der erste Teil war geschafft und er ähnelte dem Kennenlernen einer neuen Begleitung: Man tastet ab, wie es mit der anderen Person läuft. „Gut läuft es“, dachte ich bei mir. In der Ferne sah ich etwas durch den Nebel blitzen. Es war zuerst mehr eine Ahnung, doch als ich weiter aufstieg, blitzte es wieder und dann sah ich ihn, den blauen Himmel. Der Nebel lichtete sich und als ich den Grat erreichte, fielen Sonnenstrahlen durch den letzten Schleier. Es war unbeschreiblich. Eine dicke Watteschicht deckte die Welt unter mir zu und alle Sorgen und Probleme schienen plötzlich unter ihr vergraben zu sein. Meine Füße marschierten nun von selbst, als müssten sie weniger Ballast tragen. Begleitet von dieser Aussicht, erreichte ich den Gipfel. Ich war die Einzige. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ans Gipfelkreuz gelehnt, betrachtete ich mit hüpfendem Herzen und einem breiten Lächeln die zugedeckte Welt, aus der ein paar Bergspitzen herausragten. Das war das Wesentliche: hier heroben zu stehen, meinen Weg gegangen zu sein, es durchgezogen zu haben und mit dieser Aussicht und einem neuen Vertrauen in das Leben belohnt ganz bei mir zu sein.

© FlohL 2020-09-29

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