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#whatislove#zeitkuss#überalldiejahre

(Un)vergessen

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(Un)vergessen | story.one

Das Holz der Blockhütte gab mir Halt, als ich mich dagegen lehnte, um dir Halt zu geben, als du in meinen Armen lagst. Während ich in den Wald schaute, der sich dunkel vor mir erstreckte und von dem nur die ersten Stämme schwach durch die Lampe über der Haustüre beleuchtet wurden, dachte ich daran, wie das alles mit uns angefangen hatte: Es war nur ein Satz, liebevoll von dir ausgesprochen, der es schaffte, dass ich mich dir so nahe fühlte. Ein Moment wie ein Tropfen im Ozean der Zeit und doch so bedeutend für alles Weitere. Lächelnd hielt ich dich ein wenig fester. Nie hätte ich gedacht, dass es zu einer Begegnung wie dieser kommen würde, in der du dich an mich schmiegst und meine Nähe genauso genießt wie ich deine; nichts hatte ich mir sehnlicher gewünscht. In all den Jahren, in denen wir miteinander verstecken spielten, wollte ich dir nahe sein, doch es sollte nicht sein. Mal machte ich einen Schritt in deine Richtung und du bist zurückgewichen wie ein scheues Tier. Mal gingst du auf mich zu und ich versteckte mich in Panik hinter einer dicken Mauer. Wir waren jung, zu jung vielleicht, um alles zu verstehen, was mit uns geschah. Langsam hast du schließlich deinen Kopf gehoben und dein Mund wanderte zögernd meinen Hals entlang. Noch war sein Ziel nicht ganz klar, immer wieder machtest du Pausen und immer wieder hoffte ich, dass es nicht der letzte Halt sein würde. Wieder setztest du diese Reise fort und dieses Mal kamen deine Lippen auf meinen zur Ruhe. Wusstest du eigentlich, welch weiche Lippen du hattest? Zärtlich hast du mich geküsst, zärtlich haben wir uns geküsst. Bevor du deinen Kopf wieder an meiner Schulter ablegtest, schenkten mir deine grünen Augen einen kurzen, schüchternen, etwas fragenden Blick. Ich antwortete mit einer sanften Handbewegung über deine Wange.

Der nächste Tag brachte Klarheit. Die Sonne schien viel zu hell in das Innere der Hütte. Doch über Nacht war mit dem Alkohol Nebel aufgezogen, der Nebel des Vergessens, der unsere Begegnung einhüllte und aus deinem Kopf davontrug.

Jahre später fanden wir uns abermals in einem Wald wieder. Vieles war geschehen in unser beider Leben und auch mit uns; während all der Zeit gab der Nebel deine Erinnerung nicht frei. Nun standen wir uns gegenüber, wissend, dass wir dieses letzte Geheimnis gemeinsam erkunden wollten. Ich blickte auf einen Baumstamm, dieses Mal konnte ich seine scharfen Konturen in den letzten Strahlen der Abendsonne erkennen. Die Nervosität war an die Stelle des Einklangs von damals getreten, diese Harmonie zwischen uns suchten wir vergebens. Und doch trafen sich unsere Münder ein weiteres Mal. Deine Lippen waren immer noch weich, als sie meine berührten. Zärtlich habe ich dich geküsst, zärtlich haben wir uns geküsst. Danach lagen wir uns in den Armen und in der Dämmerung des schwindenden Tages traf uns die Erkenntnis, real und nüchtern: Was immer es auch war, es war vorbei und mit dieser zweiten Begegnung durfte es nach all der Zeit endlich gut sein.

© Verena Lechner 2021-03-21

whatisloveZeitkuss

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