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#alltagsheldinnen

Wärme und Geborgenheit

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Wärme und Geborgenheit | story.one

Das Thermometer zeigte 0 °C an, als ich die Wohnung verließ, um meine beste Freundin vom Bus abzuholen. Sie hatte mich gebeten, ihr bei der Suche nach einem Obdachlosen behilflich zu sein und ihn dazu zu bewegen, eine entsprechende Einrichtung aufzusuchen, da es die erste Nacht mit Minusgraden werden sollte. Der Wind wehte eiskalt vom Fluss herüber; ich zog den Schal fester um den Hals und stellte mir vor, eine Nacht wie diese im Freien mehr oder weniger ungeschützt auf dem Boden verbringen zu müssen. Es war bereits dunkel, als wir unsere Mission starteten.

Wir gingen nebeneinander her und mir fiel ihr Werdegang ein: Sie war immer schon die sozial Aktivere von uns beiden und schuf bereits mit 16 Jahren einen Ort, an dem lernschwache Kinder egal welcher Herkunft bei ihren Hausaufgaben unterstützt wurden. Engagement, Zivilcourage und ihr Mut, auf Missstände hinzuweisen und – wenn nötig – alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um diese zu beseitigen, zeichneten sie aus. Nicht ohne Grund streiften wir bei 0 °C durch die Kälte. Ihr Weg in den Sozialbereich war vorgezeichnet, vielleicht auch deshalb, weil sie anderen das geben wollte, was sie selbst manchmal vergeblich gesucht hatte: Wärme und Geborgenheit. Als sie mit 21 Jahren neben ihrem Studium in einem Containerdorf zu arbeiten begann, das Langzeitobdachlose betreute, fragte ich sie, ob es das Richtige für sie sei. Sie antwortete: „Mich haben der Gründer und sein Werk schon immer beeindruckt und es ist eine Ehre, für diese Menschen da sein zu können.“ Mehr als eine unserer Verabredungen wurde abgesagt, weil einer „ihrer“ Männer im Sterben lag und sie nach Dienstschluss noch blieb, weil sie wusste, wie wichtig es für jene war, die niemanden hatten, am Ende ihres Lebens eine Hand zu spüren, die ihnen zeigte, dass sie nicht alleine gehen mussten.

Nach 30 Minuten Fußmarsch entdeckten wir auf einer Parkbank eine Gestalt. „Das ist er“, sagte sie zu mir. Als wir in Hörweite waren, sprach sie ihn an. Obwohl er sie zuerst ignorierte, schaffte sie es, ihn aus der Reserve zu locken und es stellte sich heraus, dass er im Freien bleiben wollte, weil in den meisten Einrichtungen Alkoholverbot herrschte. Sie versuchte, ihn zu überzeugen, dass es einen Ort gab, an dem er mit seinem Bier willkommen war und gab ihm eine Karte mit der Adresse des Containerdorfes. Er nickte und wir gingen weiter. „Wird er kommen?“, fragte ich. „Ich glaube nicht“, antwortete sie nüchtern. „Dann war alles umsonst?“ „Glaub mir, ich würde ihn auch lieber mit einem Dach über dem Kopf wissen, aber es ist seine Entscheidung und die müssen wir ihm zugestehen. Wir haben es versucht.“

Obwohl sie schon lange nicht mehr dort arbeitet, verbringt sie jedes Jahr den Nachmittag des 24. Dezembers mit den Bewohnern im Containerdorf. Sie feiert Weihnachten gemeinsam mit jenen, die am Rande der Gesellschaft stehen und wenn ich genau hinschaue, dann sehe ich, dass sie dort das für sich findet, was sie anderen geben möchte: Wärme und Geborgenheit.

© Verena Lechner 2020-12-07

herzlichsteirisch

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