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#wahregeschichte#reichtum#konkurs

Paris (Teil 15)

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Paris (Teil 15) | story.one

Er lud durch und hielt inne. Dann ließ er den Karabiner auf die Erde sinken, ließ ihn ins Gras fallen, kehrte um, ging zurück durchs Quartier und zum Bahnhof. Dort stieg er in den nächsten Zug und fuhr weg, in den Abend.

Um 21 Uhr rief meine Mutter die Polizei an. Mein Bruder sollte nun schon seit fünf Stunden daheim sein. Zuvor hatte sie seine wenigen Freunde abtelefoniert, doch Julian blieb verschwunden. In seinem Zimmer auf dem Bett lag verlassen sein Teddy, verknautscht und durchgeschmust.

Ich hatte nach dem Tod meines Vaters meinen inneren Alarm ausgestellt und verpackt – denn ich musste mir ja keine Sorgen mehr machen, dachte ich. In dieser Nacht installierte ich ihn wieder. Die Polizisten durchsuchten sein Zimmer, fanden nichts Verdächtiges und zogen wieder ab. Am nächsten Morgen fand man sechs Zugstunden entfernt an einem Waldrand den Karabiner, ein Hundehalter war über ihn gestolpert. Jetzt schaltete sich die Militärpolizei ein.

Daheim im Schloss fehlten uns an diese Samstagmorgen die Worte, wie so oft in jener Zeit. Marie verbrachte den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Meine Mutter verzog sich hinter den Schreibtisch. Ich wartete auf Julian, strich durch sein Zimmer und machte mir Sorgen. Dann, 24 Stunden nach seinem Verschwinden, klingelte während des Nachtessens das Telefon, ich rannte und nahm ab.

"Flora? Bist du das? … ich bin in Paris … ich wurde entführt …"

“Julian!?”, schrie ich in den Hörer, Tränen stürzten aus meinen Augen, Marie ließ die Gabel fallen und meine Mutter riss mir den Hörer aus der Hand.

Es stellte sich heraus, dass Julian in einen Zug nach Paris gestiegen und nun am Gare du Nord gestrandet war. Er irrte eine Zeit lang in der Ankunftshalle herum, strolchte durch die naheliegenden Gassen und bettelte schließlich bei Bahnreisenden um ein paar Cents für den Telefonanruf. Als die französische Polizei ihn einige Stunden später aufgriff (meine Mutter hatte natürlich sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt und saß selbst bereits im Flugzeug Richtung Frankreich) blutete Julian an der Schläfe und vegetierte unter einer Treppe dahin. Sein Plan war, eine Entführung vorzutäuschen, damit er den Selbstmordversuch vertuschen konnte – und damit seine Geschichte glaubwürdig blieb, schlug er sich mit einem Stein selbst auf den Kopf. Auf dem Polizeirevier schlief er lange. Dann wurde er zur Aussage abgeholt – eine Zeit lang hielt er sich wohl noch an seine Fantasie, dann brach sein Kartenhaus ziemlich schnell zusammen.

Einige Tage später war er wieder daheim und ich hatte trotzdem noch ständig Angst um ihn. Ich wusste instinktiv, dass ich meinen Sandkasten-Kumpel, meinen so vertrauten Kinderfreund verloren hatte. All das liegt nun schon Jahre zurück, aber ich erinnere mich immer noch an meine damalige kindliche Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut kommt – aber dann wird mir klar, dass das bloß Wunschgedanken waren. Die Realität ist eine andere.

© Flora_Kettner 2021-05-04

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