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Blindheit als Strafe fürs Fladern

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Blindheit als Strafe fürs Fladern | story.one

Ich hab noch nie etwas gestohlen. Mein Mann meint aber, dass ich diesbezüglich manchmal in einem Graubereich wandeln würde. Wenn zum Beispiel irgendwo Werbegeschenke angeboten werden, greife ich ordentlich zu und stecke gleich mehrere Kugelschreiber ein. (Kann man ja immer brauchen.) Mein Liebster meint dann, dass es sich um Werbegeschenke handeln würde, die Sachen aber nicht als Grundausstattung für die Eröffnung eines Schreibwarengeschäfts gedacht sind.

Deshalb habe ich jetzt ausgemistet; ich wollte ein Dutzend Kugelschreiber verschenken, vor allem türkisfarbene mit der Aufschrift, dass mit einem gewissen Herrn Kurz alles besser werden würde. Die will aber keiner haben. Aus diesem Grund lasse ich sie liegen – da und dort oder im Obus.

Manchmal spaziere ich mit meinem Mann auf den Nonnberg. Oft schauen wir dann in die schöne Klosterkirche. Beim letzten Mal erzählte mir mein Gatte die Geschichte von einem diebischen Abt. Zuerst führte er mich zum linken Eingang, der in die Krypta hinabführt, in der die hl. Erentrudis bestattet ist. Links neben der Stiege kann man eine Grabplatte sehen, auf der steht: „Der Hier Ruhende Selige Mazelin war Abt bey St. Peter 1005. Starb alß Einsiedel auf dem Gaißberge. 1023.“

Die Geschichte des Abtes Mazelin ist kurios: Kaiser Heinrich II. war ein großer Verehrer der hl. Erentrudis, der Gründerin des Klosters Nonnberg. Ihr schrieb er wundersame Heilungen zu. Als das Kloster und die Kirche nach dem Jahr 1000 abbrannten, ließ er die Anlage auf seine Kosten neu aufbauen. Anlässlich der Einweihung „übersiedelte“ man die Gebeine der hl. Erentrudis.

Der Abt von St. Peter war zu dieser Feier eingeladen. Er nahm, als er sich einen Moment lang unbeobachtet wähnte, einen kleinen Knochen des Skeletts an sich. Schließlich hieß es, dass diese Reliquie Wunder vollbringen könne. Das Wunder passierte aber in umgekehrter Richtung als eine Art Strafe: Mazelin wurde schlagartig blind. Deshalb gab er den Knochen zurück. Gleichzeitig legte er das Gelübde ab, dass er sich als Einsiedler zurückziehen würde, wenn er sein Augenlicht zurückbekäme. Das passierte dann auch tatsächlich. Deshalb verzichtete Mazelin auf die Fortführung seines Amtes als Abt und zog in eine Höhle. Dort verstarb der Einsiedler alsbald. Als ein Ochsengespann seinen Leichnam abholen wollte, um ihn auf den Friedhof von St. Peter zu bringen, weigerten sich die Tiere, den Weg nach St. Peter zu nehmen und zogen auf den Nonnberg hinauf. Dort wurde Mazelin begraben und danach seliggesprochen. Im Jahr 1620 öffnete man sein Grab und fand darin das Skelett eines sehr großen Mannes.

Schon merkwürdig: Wenn ich etwas Wertvolles stehlen würde, bekäme ich es mit der Polizei zu tun. Wenn ein Abt das macht, wird er seliggesprochen.

Ein Widerspruch noch: Laut Grabplatte starb Mazelin 1023, doch gemäß der historischen Aufzeichnungen war er 1025 Abt. Womöglich ist die ganze Geschichte nur eine fromme Legende?

© Florentina 2021-10-14

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