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#gestendermenschlichkeit

Sind Vergewaltiger schlechtere Menschen?

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Sind Vergewaltiger schlechtere Menschen? | story.one

Eine sehr provokante Aussage. Ich weiß. Doch was ich durch einen Vergewaltiger lernen durfte, prägt mein Leben bis heute...

Ich war eine junge Polizistin, 25 Jahre alt, seit 1 Jahr im Außendienst. Die Kriminalpolizei hatte eine Person festgenommen und bei uns auf der Dienststelle inhaftiert. Sie sollte am nächsten Tag zu den Vorwürfen befragt werden. Ich wusste nicht warum. Ich wusste nur, dass ich nachzuschauen habe, wenn die Person den Knopf in der Zelle drückt. Ich war auch dafür verantwortlich, regelmäßig den Zustand der Person zu kontrollieren und protokollieren.

Beim ersten Läuten begehrte der Inhaftierte ein Glas Wasser. Nun ja - Gläser gibt's im Häfn nicht, aber Pappbecher. Beim zweiten Läuten fragte die Person, ob sie rauchen dürfe. Kein Problem. Geraucht werden darf im Gefängnis bei uns - na klar. Die Person war nicht unhöflich. Ob ihrer Situation einleuchtend. Schließlich war sie auf uns Polizisten angewiesen.

Nach der gemeinsam gerauchten Zigarette wurde gelüftet und ich begab mich zu meinem Computer. Irgendwie wollte ich dann aber doch wissen, warum die Person eigentlich bei uns hinter Gitterstäben versperrt ihr Da-Sein fristet. Das steht zwar im Haftbuch, wo ich meine Kontrollen eingetragen hatte, aber bis dahin interessierte es mich herzlich wenig. Ich tat einfach meinen Job.

Der Blick auf die aufgeschlagene Seite ließ mich jäh zusammenzucken. Verdächtig der Vergewaltigung. Sauber. Natürlich gilt IMMER die Unschuldsvermutung. Aber seien wir ehrlich, bei SO einem Delikt ist es schon schwer objektiv zu bleiben. Auch wenn ich dafür bezahlt wurde. Irgendwas bleibt immer hängen.

Was hängen blieb, merkte ich eine halbe Stunde später, als erneut die Lampe und der Signalton aufmuckten. Ich merkte sich Widerstand in mir regen. Was will er denn nun schon wieder? Die Antwort war eine Zigarette. Nein - dachte ich mir und sagte ihm dies auch offen - du brauchst nicht schon wieder eine! Ich sperrte ab und ging.

In diesem Moment - als ich den Gang Richtung Büro schlenderte - hatte ich eine (ich bin überzeugt, dass Gott sie mir geschenkt hat) Erleuchtung. Es kam ein Gedanke hoch: Wer bist du, dass du über andere Menschen urteilst?

Es traf mich mitten ins Herz. Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Wer bin ich? Was hatte ich dazu beigetragen? Zu meiner Geburt? Zu meinen Eltern? Zu meiner Ausbildung? Nichts, Null, Niente. Die Erkenntnis darüber traf mich noch viel mehr.

Wir haben nicht in der Hand, wo und wie und wann wir geboren werden oder wer unsere Eltern sind. Das liegt in Gottes Hand. Und er war mir echt gnädig. Wer bin ich über andere zu urteilen?

Und dann noch die zweite Erkenntnis. Nicht ICH habe über Schuld und Unschuld zu urteilen, sondern das Gericht. Jeder Mensch muss für seine Taten die Konsequenzen tragen. Wer aber bin ich über anderer Taten zu urteilen?

So schlimm die Tat auch war (er wurde schuldig gesprochen), der Täter lehrte mich eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens.

Photo by Bill Oxford on Unsplash

© Gabriele F. Stöger 2020-04-14

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