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#neubeginn#wirmachenmut#auferstehung

Es wird der Tag kommen

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Es wird der Tag kommen | story.one

„Die Raupen der Nachtfalter verpuppen sich zumeist an oder in der Erde. Sie spinnen sich einen Kokon aus Seide, der die Puppe als Schutz gegen äußere Einflüsse vollständig umhüllt. Ein Puppenstadium kann sich über viele Monate bis Jahre hinziehen, um ungünstige Jahre überdauern und so der Population das langfristige Überleben sichern zu können."

Meine vergangenen Wochen waren bestimmt von Angst, Hoffnungslosigkeit und Wut, meine Nächte erfüllt von aufreibenden Träumen, die mein Unterbewusstsein spiegelten. Schon die Tage vor dem Shutdown waren bestimmt gewesen von dunklen Zeichen: eine schwarze Krawatte, die am Gehweg lag, der neben dem Simmeringer Friedhof entlangführt, achtlos weggeworfen. Wenige Schritte danach ein vertrockneter Grabkranz im Straßengraben.

Ich stehe im Supermarkt. Einatmen. Ausatmen. Die Luft unter der Mundschutzmaske wird zunehmend wärmer und schaler. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Der Automatismus, den ich üblicherweise beim Einkaufen habe, wird durch neu aufgestellte Regeln unterbrochen, mein Motor kommt ins Stottern. Es scheint, als nähme das Virus auch denen die Luft zum Atmen, die es noch gar nicht befallen hat.

Ich blicke bewundernd auf die Menschen, die sich achtsam der Situation stellen und mit ihr umzugehen wissen und befremdet auf jene, die in totale Euphorie ob der gewonnenen freien Zeit verfallen, als zählten die vielen Toten und Arbeitslosen nicht, die Corona zum Opfer fallen.

Und dann kommen endlich auch meine guten Tage, die Lichtblicke. Und ich sehe genauer hin. Ein Fernsehbeitrag hier, ein Zeitungsartikel da, eine Begegnung während der Gassirunde. Ein Geistlicher spricht von der Verbindung, die er zwischen der Corona-Krise und dem Osterfest sieht. Ostern - das Fest der Hoffnung und Auferstehung. Ich klammere mich mit einem Mal an die Vorstellung, dass ich eine Raupe bin. Eine Raupe, die nun endlich erwachsen geworden ist. Das große Fressen hat ein Ende. Ich habe mich verpuppt, meinen seidenen Kokon gesponnen und beginne zu schrumpfen. Fühle, dass die Zeit für einen Neubeginn gekommen ist.

Ich glaube an Gott und das Universum. Ich glaube an eine höhere Macht, die es eigentlich gut mit uns meint. Die uns unsere Fehler aufzeigen und zurück auf den rechten Weg weisen will. Ich spüre die Hoffnung in mir, dass sich im Inneren der Puppe gerade jetzt ein schier unglaublicher Prozess vollzieht. Dass sich alte Strukturen auflösen. Und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich die Hülle aufbrechen und etwas Neues, Schönes wird entstanden sein.

Es wird der Tag kommen, da werden wir unsere Kokons verlassen. Wir werden einander in die Arme schließen, tanzen, lachen und das Leben feiern. Es wird der Tag kommen, da werden wir erkennen, dass jede Handlung ihr Tribut fordert und wir werden dankbar sein für die kleinen Augenblicke des Glücks und der Unbeschwertheit. Es wird der Tag kommen, an dem wir uns selbst wiederentdecken werden.

(Photo by Bankim Desai on Unsplash)

© Gabriele Kolup 2020-04-13

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