skip to main content

Mitfahrgelegenheit [Belgien]

  • 171
Mitfahrgelegenheit [Belgien] | story.one

Wir waren 20 und Studentinnen. Da spart man bei einer Reise am liebsten bei den Transportkosten. Logisch, Zeit hat man ja im Gegensatz zu Geld - vor allem in den Sommerferien. Deshalb fiel unsere Wahl auf den Megabus von München nach Brüssel um geschlagene 40€. 16 Stunden Busfahrt ist kein Problem, wenn man den iPod mit den besten Hits dabei hat. WLAN hat es vor 5 Jahren im engen und unbequemen Megabus nicht gegeben. Damals war noch nicht mal die Rede von Netflix & Chill. Außerdem war ich noch eine wesentlich ungeübtere Reisende. Erstes Mal Fernreisebus und was hat die Madame an? Eine enge Röhrenjeans! Heutzutage habe ich dazugelernt und reise ausschließlich mit Leggings.

Um 3 Uhr in der Früh sind wir an unserem Ziel angekommen. Das erste Mal in Brüssel. Ankunftsort Brüssel Nord. Mit 60l Rucksack am Rücken stapften wir zwei Ladies also vom Bahnhof Richtung Innenstadt zu unserem Hostel. Wir hätten von Beginn an misstrauisch sein müssen, viele Zeichen haben wir unerfahrenen und wahrscheinlich auch ein bisschen naiven jungen Damen ignoriert.

Da wäre die Tatsache, dass alle anderen Mitreisenden sofort in ein Taxi eingestiegen sind. Oder dass die wenigen Autos, die unterwegs waren, so unglaublich langsam fuhren. Oder die unheimliche Aura des Ortes. Oder wir hätten einfach vorab recherchieren sollen, wofür Brüssel Nord bekannt ist.

Da stand eine Passantin. Hübsch gekleidet, stark geschminkt, wartend. Meine Freundin wollte sie nach dem Weg fragen, weil wir damals noch keine Ahnung von Offline Google Maps gehabt haben und recht vorbereitet waren wir eben auch nicht. Meine Freundin ging zielstrebig auf sie zu. "Bist du deppert, das ist eine Prostituierte!" rutschte es mir heraus.

Wir beiden Träumerinnen haben es also endlich gecheckt: Wir waren mitten am Strich von Brüssel. In dem Moment rollte auch schon ein Auto langsam auf uns zu. Mir lief es eiskalt über den Rücken. Das Ende war nah. Meine Freundin zupfte an meinem Ärmel und sah mich panisch an. Es war die Polizei.

15 Minuten in Brüssel und wir wurden verhaftet. Na super! "Que diable faites-vous ici?" Oh Gott. Mein Schulfranzösisch war der Situation nicht gewachsen. Die Tränen stiegen mir hoch, der Puls raste ärger als bei jeder Prüfung. Verzweifelt erklärte ich auf Englisch, dass wir auf dem Weg ins Hostel waren. Ich wollte nicht ins Gefängnis. "Girls, this place is very dangerous! Don't walk around Brussels North during nighttime. Jump in. We bring you to your hostel." (Anm. mit französischem Akzent)

Die Mitfahrt in einem Polizeiauto war interessant. Durch die Gitterstäbe sah ich schlecht nach vorne. Die Polizisten scherzten aber mit uns herum und brachten uns bis zur Eingangstüre. Bevor sie uns alleine ließen, mussten wir hoch und heilig versprechen, nie wieder am Abend durch Brüssel Nord zu spazieren.

Und ja - ich bin nie wieder am Abend in Brüssel Nord spaziert. Die 16-stündige Fahrt von München nach Brüssel habe ich trotzdem wiederholt. Ankunft am Tag, versteht sich.

© Geographin 2020-05-15

Copstories

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.