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Latein ist keine tote Sprache mehr.

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Ich war mit meiner Freundin Martina in Urlaub auf Kreta. Martina studierte Kunstgeschichte an der Uni Wien und wollte einige kunstgeschichtlich interessante SehenswĂŒrdigkeiten auf Kreta besichtigen, darunter eine ganz bestimmte Kapelle mit Fresken auf den InnenwĂ€nden. Martina hatte den Hinweis bekommen, in der nahe gelegenen Ortschaft nach dem Popen zu fragen. Wir mieteten also ein Motorrad und fuhren zu der angegebenen Ortschaft. Obwohl wir beide nicht Griechisch sprachen, gingen wir dort in irgendein offenes GeschĂ€ft und sagten in fragendem Tonfall "Pope?" Der VerkĂ€ufer verstand unser Anliegen, antwortete: "Cafenion" und deutete in die Richtung, in der sich das Kaffeehaus befand. Der Pope war an seiner Kleidung leicht zu erkennen. Mit Hilfe unseres Deutsch-griechisch-Wörterbuchs informierten wir ihn ĂŒber unser Anliegen. Erfreut stand er auf, legte einige MĂŒnzen auf den Tisch und deutete uns, mit ihm mitzukommen. Es war kein langer Weg. Vor der Kapelle zog er einen riesigen SchlĂŒssel hervor und sperrte das Kapellentor auf. Das GebĂ€ude bot Platz fĂŒr maximal zehn Personen - eine typische GrĂ¶ĂŸe dieser Sakralbauten auf Kreta. Innen roch es nach feuchtem Mauerwerk. Die Feuchtigkeit hatte den Fresken auch schon ziemlich zugesetzt, doch der Priester ließ sich davon nicht beirren und erklĂ€rte uns, was und wen sie darstellten. Martina hatte ihm auf gut GlĂŒck eine Frage in ihrem besten Schul-Latein gestellt und so antwortete und erklĂ€rte der Pope auch in dieser Sprache, die mir Martina simultan leise ins Deutsche ĂŒbersetzte. Ich fand die ErlĂ€uterungen des Popen durchaus interessant und bat Martina, meine Fragen dazu auch zu ĂŒbersetzen. Martina war sehr gefordert, schaffte es aber glĂ€nzend, die Unterhaltung mit dem Popen in der angeblich toten Sprache zu fĂŒhren. Als wir genug gesehen und gehört hatten, bedankten wir uns bei dem Popen, dem es offensichtlich eine große Freude gewesen war, uns seine Kapelle zu prĂ€sentieren. Da mir ein Geldgeschenk als Dank zu profan vorkam, einigte ich mich mit Martina, dem Popen unser Wörterbuch zu schenken. Der reagierte so, als hĂ€tte er sich sein ganzes Leben lang nichts sehnlicher gewĂŒnscht als dieses Wörterbuch. Er drĂŒckte uns alle vorhandenen HĂ€nde und begleitete uns zu der Ortschaft zurĂŒck, nachdem er das dicke Holztor der Kapelle mit seinem riesigen SchlĂŒssel wieder verschlossen hatte.

© Georg Grimm 2021-10-14

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