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#wunderdernatur#rosengarten#frühjahr

Vom Vergehen und Werden

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Vom Vergehen und Werden | story.one

Frühling kündigt sich an - wieder einmal. Noch bringt eine kühle Nordbrise eine Ahnung von Winter, doch nehmen schon die Grüntöne überhand, und das sattblaue Himmelsband lässt die trüben Gedanken an herbstnebelverhangene, ewiggraue Tage vergessen. Im Apfelbaum, wo sich heuer nur vereinzelte zartrosa Blütenknospen zeigen, hüpft eine Kohlmeise von Zweig zu Zweig, verharrt zwischen durch und schmettert ihr „Zizibee“ in die Luft, das in seiner Lautstärke in keinem Verhältnis zur Größe des zarten, bunten Federballs passt. Ein Amselmännchen in seiner schwarzen Bräutigamtracht trällert Melodien vor sich hin in der Hoffnung, von einem Weibchen erhört und zugleich mit der Zuversicht von seien Konkurrenten respektiert zu werden.

Während ich all diese Eindrücke in mich aufsauge, stehe ich im Garten und zwicke am Rosenstrauch die alten, braunschwarzen, vertrockneten Knospen, Blütenstände und Blätter ab. Sie sind vergangenes Leben, verflossene Schönheit, inmitten von neuen Trieben und dem saftigen Grün junger Blätter und Sprosse. Werdendes Leben neben vergangenem. Kommen und Gehen seit Milliarden von Jahren, jedes Atom im ewigen Kreislauf, nichts ist verloren, nichts verschwindet.

Ich nehme ein zartes, aufkeimendes Blatt zwischen meine Finger und denke dabei, wie viele der Atome, die seine Struktur aufbauen, schon Teil eines Einzellers waren, der vor Äonen ein Urmeer besiedelte und an der Wiege des Lebens stand. Auch er war endlich, so wie Millionen Jahre später die mächtigen Dinosaurier, ausgelöscht von einer Naturkatastrophe, die bei allem Wissen, das wir darüber angesammelt haben, jenseits der Vorstellungskraft liegt. Und doch sind auch sie eingegangen in den Kreislauf, sind sie Teil jenes kleinen, lebendigen Systems, das wir Erde nennen, jenes abgeschlossenen Ökosystems, schillernd in der Schwärze des Alls.

Ich werfe die abgeschrittenen Pflanzenteile in einen Kübel, den ich dann zum Komposthaufen trage. Dort, wo größere und kleinere Arbeiter, sichtbare und unsichtbare unentwegt ihrer emsigen Tätigkeit nachgehen und das, was wir als Abfall bezeichnen, zu Rohstoffen neuen Lebens verarbeiten.

Ich bin fertig mit meiner Arbeit, an die mich ein paar Kratzer von den Rosendornen noch länger erinnern werden. Sie werden verheilen, so wie sich die Natur sich regenieren wird von den Wunden, die der Mensch ihr schlägt. Immer mehr werden erkennen, dass wir Teil dieses wunderbaren, ausgeklügelten, großartigen Systems sind, das sich in seinem Kreislauf von Werden und Vergehen befindet, seit dieser Planet aus der glutflüssigen Lava seiner Geburtszeit zu einem luftumhüllten und von Wasser bedeckten Felsen im Kosmos wurde. Und noch lange wird es so bleiben, bis eines Tages in ferner Zukunft, die so lange lebenspendente Sonne ihr Kind auffressen wird. Dann endet dieser Kreislauf, aber ein neuer wird wieder beginnen. Aber da wird schon lange niemand mehr seine Rosensträucher schneiden.

© Gernot Blieberger 2021-05-04

Naturleben

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