skip to main content

#umzug

#2_UN

  • 17
#2_UN | story.one

Einen Hund haben wir auch. Einen Collie, sieht aus wie Lassie. Unser Lassie heißt Hugo. Der ist irgendwann mitten in der Nacht da. So eine Art „Kneipenthresen-Deal“ zwischen meinem Vater und irgendeinem Saufbruder. Mitten in der Nacht ist ein Scheißtiming. Dann noch die beste Schüssel als Saufnapf Zweck zu entfremden, wird zur bitteren Kriegserklärung für meine Mutter.

Außerdem musst du kein Afrikaner sein, damit dein neues Zuhause Schwarz sieht und damit du erfährst, wie sich ein Duldungsstatus anfühlt. Reicht schon, wenn du von einem Bundesland ins nächste ziehst. Also, als gebürtige Pfälzerin nach Baden-Württemberg. Genau genommen in die Rhein-Neckar-Region. Ich nenn´ uns einfach Bundesländer, weil wir keine Ausländer sind, also auch keine Türken.

Bei denen ist normal, dass das männliche Oberhaupt alles bestimmt. Trotzdem wurden auch wir nicht gefragt. Meine Mutter nicht, meine Schwester nicht und ich schon dreimal nicht. Mein Vater kaufte ganz allein diese alte, verwanzte Burg von einem Haus, das keiner wollte. In diesem Hinterweltlerdorf, dass aber eigentlich zu einer Stadt gehört. An einer Stelle, wo man freiwillig auch nicht hinziehen will. Ein düsteres, ödes und graues Umfeld, trotz manchem Sommer.

Alte, Bauerntrampel, Inzucht, Spanner. Wir bleiben für eine gefühlte Ewigkeit die „Zugereisten" … Es grüßt keiner und wir werden hinter der Gardine schief beäugt. Unsere Nachbarin, die alte Frau Winter, hat schon vor einer gefühlten Ewigkeit aus dem Osten „rübergemacht“. Sie und ihr Mann sind bloß geduldet, weil seine Arbeit als selbstständiger Schlosser gut ist. Deshalb zerreißen sich die feigen Leute hinter deren Rücken das Maul darüber, dass der seltsame Herr Winter jeden Freitag mit dem Fahrrad in den Puff fährt oder zumindest zu irgendeiner Bumstüte, denn in welchen Puff, man von diesem Kaff aus mit dem Fahrrad fahren kann, weiß ich bis heute nicht. Jedes Mal kommt er sturzbesoffen heim. Meistens dann zu Fuß. Das Fahrrad holt er jeden Samstag.

Für meinen Vater war die Sache mit der alten Burg und dem Kaff einfach, er hatte einen kürzeren Weg bis zu seiner Firma, und meine Schwester und ich von heute auf morgen keine Freunde mehr.

Okay, ich hatte sowieso nur einen. Meinen Sandkasten- und Kindergartenfreund Achim. Rotz und Wasser haben wir beim Umzug geheult. Bestimmt hätten wir irgendwann geheiratet. Heute jedenfalls. Weil heute die gleiche Situation eine andere wäre. Man hätte sich nicht aus dem Sinn verloren. Zumindest für eine geraume Zeit. Wir hätten uns beide ein Handy gewünscht, um uns dann per WhatsApp kindliche und vor Rechtschreibfehlern strotzende Nachrichten zu schicken. Vielleicht …

© GloriaMcB 2021-05-04

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.