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#zeitkuss

Das Aroma deines Kusses

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Das Aroma deines Kusses | story.one

Deine weichen Lippen berührten mich am Ende eines verregneten Herbstes. Erstmalig. Warm legten sie sich über die meinen. Sanft. Liebevoll. Federleicht und leidenschaftlich. Sie küssten mich zum Nikolaus, unter dem Mistelzweig und schmeckten weihnachtlich himmlisch. Am Silvesterabend und in einer kurzen Neujahrsnacht. Den Winter aber überdauerten sie nicht.

Es wurde Frühling. Bereits zum zehnten Mal.

Auf einen heißen Sommer folgte er. Der erneute November. Nass-grau gewandete er sich. Ungeküsst machte ich mich an jenem Morgen auf. Zu einer Messe. Keiner christlichen. Eine, die mich in beruflichen Belangen auf den neuesten Stand bringen durfte.

Und genau da traf ich dich wieder. Unverhofft. Gänzlich unerwartet. Hunderte Kilometer von unser beider Heimatstadt entfernt. Dein flüchtig wirkender Blick streifte meinen Körper. Deine grünen Augen blieben in den meinen hängen. Der Wunsch einer Berührung lag in der Luft. Deine rechte ergriff meine Hand. Warm fühlte sie sich an. Geborgenheit lag in ihr.

Vertieft ineinander, im Trubel der Menschen, erzählten wir uns zeitgerafft von den zurückgelegten Lebenswegen, die uns damals voneinander führten. Auf deinen Lippen lag die charmante Leichtfüßigkeit, die mich schon vor Jahren zum Lachen brachte. Eine innige Umarmung, die nach mehr roch, setzte einen weiteren Schlusspunkt. Das Messegetümmel verschluckte dich. Spurlos. Gefühlt tonlos.

Das Gebimmel des Telefons ließ mich meine Arbeit unterbrechen. Du. Sanft knabberten deine Worte an meinem Ohr. Stunden später spürte ich deinen Atem in meinem Nacken. Die Wärme deines Körpers temperierte die wohligen Schauer, die mich vereinnahmten. In der Schlange der Kinokassa.

Der harmonische Klang der wohlgeformten Rotweingläser verwob sich mit der tänzelnd lodernden Kerzenflamme in unseren Blicken und Worten. Der Humor floss in Strömen und ich konnte mich nicht sattsehen am Glanz deiner Augen. Unterirdisch bahnten sich deine langen Beine ihren Weg. Auf der schwarzen Tischplatte suchten meine Finger nach deiner Hand. Innehalten. Halten und gehalten werden.

Der Kellner durchbrach diskret unsere Zweisamkeit. Und bat uns um das Ende der Zweckdreisamkeit. Wir verabschiedeten ihn in die Einsamkeit.

Wieder war es der feucht-kalte Novemberwind, der uns ein Stück unseres Weges begleitete. Sein unverwechselbarer Geruch weckte die Schmetterlinge des Damals. Dein Arm legte sich um meine Schulter. Meine Hand bahnte sich ihren Weg entlang deines Rückens. In deine Manteltasche. Eingespielte, vertraute Handgriffe. Ob deine Lippen, deine Küsse ebenso unverwechselbar, einzigartig geblieben waren?

Als ob deine Gedanken mit den meinen Schritt halten könnten, verlangsamtest du dein Tempo. Behutsam zeichnete dein Zeigefinger Unsichtbares auf meinem Gesicht. Ein Genuss, der meine Augen verschloss. Um meine Lippen für die deinen zu öffnen. Unverwechselbar einzigartig. Und doch endgültig letztmalig.

© Gudrun Salzer 2021-03-14

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