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#travestie#paris#shows

Chez Michou

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Chez Michou | story.one

Als ich 1982 zum ersten Mal als Jugendlicher Paris erlebte, war ich geflasht von der Farbenpracht, die von Saint-Germain-des-Prés ausging. Die verrauchten Spelunken und winzigen Concert Halls, in die ich hinabstieg, hatten eine schummrige Atmosphäre, die mich glauben ließen, ich sei direkt in den Fünfziger Jahren in der Zeit des Nihilismus angekommen, wo Juliette Greco gerade gefeiert wurde. In der Nacht durchwanderte ich oft ganz Paris, um die Historie noch möglichst original einsaugen zu können. Alle sahen mir unverhohlen mit einem Lächeln in die Augen, sodass ich lernte, ebenso direkt zurückzulächeln.

Als ich einmal um Mitternacht vor dem Rathaus über den Gehsteig ging, kamen mir zwei junge Burschen entgegen und ich schaute sie offen an. Da rief der Schwarze zu mir: „Money!“ Ich blickte erstaunt. “Money!” kam es noch eindringlicher. Ich verstand nicht gleich und glaubte, er meinte den Song aus dem Musical Cabaret und stimmte ahnungslos tuend das Lied an. Sie umkreisten mich und plötzlich zückte einer ein Messer und hielt es gegen mich. „Money!“ – nun verstand ich. Meine Laune verdüsterte sich schlagartig und ich bekam Todesangst. Gleichzeitig tat ich aber noch immer so, als verstünde ich nicht, was sich gerade abspielte, blieb ruhig und sang lässig „Money makes the World go around…“

Diese unerwartete Reaktion verschaffte mir wohl kurz einige Sekunden Pause, in denen ich ein paar Meter Abstand gewann. Und plötzlich fing ich auch an, über die menschenleere Straße zu laufen, um in die nächste Metro Station zu entfliehen. Sie schafften es nicht, mich einzuholen und ich entkam in der Metro.

Nach diesem Schreck meines Lebens hasste ich für einige Tage alle Pariser und wollte keinem mehr in die Augen blicken. Wie konnte ich nur meine Seele wieder etwas beruhigen und diesen Schock ungeschehen machen? Ich dachte an eine Show, für die Paris doch so berühmt ist, und ging daher ins „Chez Michou“ – dem legendärsten und berühmtesten Transvestiten Cabaret Frankreichs.

Als ich eintrat, erschlug mich fast das anzügliche, glitzernde Ambiente. Mir fiel auf, dass ich bei weitem der Jüngste war und Michou, der Lokalbesitzer, nahm mich am Arm und setzte mich gleich an den Dinner Table ganz vorne an der Bühne. Er hatte wohl bemerkt, dass ich dergleichen noch nie gesehen hatte. „Have FUN“, meinte er und die Show begann.

Alles wurde aufgeboten, von Liza über Marilyn bis Shirley. Es war wild und ausgelassen. Alle schienen sich zu amüsieren, nur ich konnte nicht wirklich mitapplaudieren. Michou kam zu mir und stieß mich an: Klatsch doch endlich, Cheri, du hast den besten Platz!

Als dann auch die beste Mousse au Chocolat meines Lebens als Dessert serviert wurde, begannen meine Lebensgeister aufzuwachen und ich mitzuklatschen. Diese Queens hatten es doch tatsächlich geschafft, mich wieder zum Lächeln zu bringen. Ich war ihnen dankbar!

Seit ich erfuhr, dass Michou, Ritter der Ehrenlegion, am 26.1.2020 mit 88 starb, ist er auch in meinem Herzen.

© Gunny Catell 2020-12-05

LGBTQ+

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