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#bergerlebnis#rausindienatur

Mit den Scorpions über den Schicksalsberg

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Mit den Scorpions über den Schicksalsberg | story.one

Es ist ein Morgen im Oktober, und ich schaue durch das Fenster eines Kleinbusses auf die neuseeländische Landschaft hinaus. Langsam quillt das markante Profil dreier Vulkane aus der von gelbbraunem Steppengras bedeckten Ebene in meinem Blickfeld: Mt. Ruapehu, Mt. Tongariro und der unverwechselbare Kegel des Mt. Ngauruhoe, der in “Herr der Ringe” als Schicksalsberg einen Auftritt hatte. Der Schnee auf ihren Gipfeln leuchtet in der Frühlingssonne.

A. ist kein Morgenmensch, aber irgendwann blinzelt meine Reisekameradin aus schlafverklebten Augen zu mir herüber.

“Das sieht ja richtig alpin aus”, meint sie.

“Was hast du denn gedacht?”, gebe ich zurück. “Sonst hätten wir ja nicht so herumgetan wegen Windwarnung und schneetauglichen Schuhen und so weiter! Aber am Abend holt uns der Bus eh wieder ab, da kann nix schief gehen.”

Vier Stunden später erreiche ich den Sattel, an dem die steile Flanke des Ngaurhuhoe in den angrenzenden Tongariro übergeht. Der Ostwind greift mit beiden Händen nach mir, als ich über die Kuppe komme. Schlagartig verstehe ich, weshalb man die Wanderung bei starkem Wind besser bleiben lässt: ein jäher Abgrund gähnt mir entgegen, und die roten Einschlüsse zwischen dem schwarzen und ockerfarbenen Gestein der zugehörigen Kraterwand leuchten aus gut fünfzig Metern Entfernung zu mir herüber.

A. bildet bereits das Schlusslicht der Touristenkarawane, die an diesem Tag den Vulkan überquert. Als sie auf dem Sattel erscheint, sehe ich ihr die Erschöpfung an. Heute liegt kein Eis auf dem Grat, rede ich mir gut zu, und der ist ja eigentlich gar nicht so schmal, er ist zumindest doppelt so breit wie sie groß ist!

Als sie es geschafft hat, verschnaufen wir kurz. Weil ich sehe, wie die ameisenfeinen Gestalten der anderen Wanderer den eisbedeckten Vulkankrater unter uns bereits hinter sich lassen, dränge ich zum Aufbruch. Nach zwei Stunden erreichen wir selbst den Kraterrand, ohne dafür mit dem ersehnten Ausblick auf den wartenden Bus belohnt zu werden. Stattdessen scheint sich der Weg in der menschenleeren gelblich-braunen Steppe zu verlieren.

Nach einigen Serpentinen meine ich plötzlich, Gesang zu hören. Ich bleibe stehen, und bald stapft A. um die Kurve, die Augen auf den Boden gerichtet, die Hände in die Träger ihres Rucksacks gestützt, erschöpfte rote Wangen im blassen Gesicht.

“Follow the Moskva”, singt sie, ohne den Blick zu heben, bricht nach wenigen Worten ab, fängt wieder an. Ich begreife, dass A. die erste Strophe zur Hälfte parat hat, und sich nun von einem Textfetzen zum nächsten tastet. Ich bin einfach nur froh, dass sie noch weiter kommt. Eineinhalb Stunden später hat sie den Text von “Winds of Change” beisammen und ich jeden Gedanken an Eile aufgegeben. Ich bitte sie, mir das Lied beizubringen.

In der herabsinkenden Abenddämmerung erreichen wir schließlich den Parkplatz und einen sehr erleichterten Busfahrer. Müde klettern wir in den Bus. Während A. sofort einschläft, ist mein Kopf voll Musik.

© Hanna_Schreibt 2021-02-23

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