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#familie#italien#sommer

Sicilia, ti amo

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Sicilia, ti amo | story.one

An dem Ort, wo das Licht jeden Fleck berührt und sich goldene Häuser im blauen Meer spiegeln, haben wir unser zweites Zuhause. Es ist der Ort, an dem sich die Straßenkatzen vor der Mittagssonne verstecken und man nicht barfuß über den Sand laufen kann, ohne sich zu verbrennen.

Hier lernen kleine Kinder im salzigen Wasser schwimmen und alte Menschen sitzen auf Klappstühlen auf der schmalen Promenade und sehen dem Treiben zu. An klaren Tagen, kann man die Küste Afrikas sehen, so sagt man. Die dort entstehenden Hitzewellen spürt man immer.

Wenn unsere Oma uns ihr gewaltiges Abendessen in fünf Gängen kocht, wissen wir, dass sie dafür den ganzen Tag in der Küche stand und das liebend gern. Wir Kinder rennen nach dem Essen runter zur Gelateria um einen Kasten Eis für die Familie zu holen. Wir flitzen über die beleuchtete Straße, Asphalt noch warm von der Tagessonne, Musik dröhnt aus dem Kiosk und wir singen laut. Wir fühlen uns geborgen im Kreis der Familie, überglücklich an dem Ort zu sein, an dem sich alles verbindet.

Jahre später können wir es kaum erwarten nach dem Familienessen in die Disko zu fahren. Wir holen die klapprigen Fahrräder aus dem Keller meines Onkels und fahren an der Küste entlang in die nächstgrößere Stadt. Unter der Aufsicht meiner älteren Cousinen verbringen wir die Nächte in der Strandbar und in kleinen Clubs, um dann Stunden später die Räder angetrunken wieder nach Hause zu schieben. Es ist ein neuartiges Gefühl von Freiheit und Selbstständigkeit, das ich kennenlerne. Sich zum ersten Mal bewusst schön anziehen, die Schminke der Cousinen benutzen und eigene Entscheidungen treffen. Sich einem Jungen hingeben, der ein ganzes Jahr älter ist als man selbst und ganz anders als die Jungen in der eigenen Klasse. Ihn mit dem Klapphandy fotografieren, als Erinnerung und als Beweis.

Die Tage gehören jedoch der Familie; wir fahren über die Insel, wandern auf den Ätna und besichtigen die schönen Städte. In Ragusa wird die Stadt von einer Schlucht gespalten, über die sich eine gewaltige Brücke legt. Auf dem Grund wuchern Bäume und Sträucher und machen den Graben zu einer unübersichtlichen Wildheit. „Wenn ich hier Bürgermeister werde, setze ich dort unten wilde Tiere hinein, das wäre doch was!“, erzählt mir mein Vater jedes Mal, wenn wir auf der Brücke stehen. Als Kind finde ich die Idee einmalig.

Wenn ich in Deutschland bin, fehlt mir die Unbeschwertheit Siziliens. Ich vermisse die fröhlichen Menschen, die eingefärbten Sonnenuntergänge und das ölige Essen. Der Gedanke, dass ich wieder hinfahren werde, fühlt sich gut an. Das und das Bild in meiner Tasche von der großen Brücke in Ragusa.

© Hannah Knauf 2021-02-27

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