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#verbrechen#anklage#eifersucht

Amnesie

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Amnesie | story.one

Ich schrecke hoch. Schweißgebadet. Nach Luft ringend. Wieder hat mich dieser schreckliche Traum um den Schlaf gebracht. Um einen Schlaf, der in Wahrheit keiner ist. Die stickige Luft, die laut schnarchende finstere Gestalt nebenan. Allesamt Garanten dafĂŒr, mich niemals wieder in meinem Leben einem erholsamen tiefen Schlaf hingeben zu dĂŒrfen. Einem Schlaf, dem ein neuer, schöner Tag folgen könnte. Viel zu lange schon friste ich hier mein verkorkstes Leben. Ein Leben, das niemand leben möchte, weil es nicht lebenswert ist.

Dann liege ich wach, ringe um Luft und tauche wieder und immer wieder in eine Zeit vor dieser ein. Alles war perfekt. Mein Leben, mein Job, und vor allem der Umstand, Jana kennengelernt zu haben. Ich hab sie einfach angesprochen. Am großen Parkplatz des Supermarktes, als sie mit dem voll beladenen Einkaufswagen zwischen den eng aneinander geparkten Pkw hindurchschlĂ€ngelte. Bevor sie noch einem fremden Auto eine Delle beibringt, helfe ich ihr, dachte ich und belud den Kofferraum ihres Kleinwagens mit unzĂ€hligen Lebensmitteln. ÂŽDie hat bestimmt eine ganze Monatsration eingekauftÂŽ, dachte ich. Sie bedankte sich und gab mir beim Abschied ihre Telefonnummer. Revanchieren wollte sie sich. FĂŒr meine Hilfsbereitschaft fĂŒgte sie mit einem bezaubernden LĂ€cheln an.

Eine Woche spÀter waren wir ein Liebespaar. Niemals wieder wollte ich sie loslassen. Jana war die Liebe meines Lebens. Ich wusste es seit dem Tag, als wir einander am Supermarktparkplatz begegneten.

Ein halbes Jahr spĂ€ter zogen wir eine kleine Mietwohnung, knapp außerhalb der Stadt. Alles schien perfekt, und lĂ€ngst schon schmiedete ich PlĂ€ne fĂŒr unsere gemeinsame Zukunft.

Jana schien irgendwie verĂ€ndert. Meinen Fragen nach dem Warum wich sie stets aus. Es wĂ€re nichts. Ich wĂŒrde mir alles nur einreden. Vor allem aber sollte ich nicht klammern. Ihre Worte trafen mitten in mein liebendes Herz. Es schmerzte sehr. Als ich eines Tages frĂŒher von der Arbeit nachhause kam, ĂŒberraschte ich sie mit einem anderen Mann in eindeutiger Situation. Sie bestritt auch gar nicht, dass zwischen den beiden etwas am Laufen war. Wahrscheinlich hĂ€tte ich sogar die gemeinsame Wohnung wieder verlassen und Jana zu einem spĂ€teren Zeitunkt gebeten, uns noch eine Chance zu geben. Der Unbekannte jedoch nannte mich einen Versager, einen Verlierer und einen Schlappschwanz und forderte mich auf, schleunigst zu verschwinden. Von diesem Zeitpunkt an lĂ€sst mich mein GedĂ€chtnis schmĂ€hlich im Stich. Bis heute.

Niemand schenkte meinen Aussagen Glauben. Ein Gerichtspsychiater hielt in seinem Gutachten fest, dass eine große Gefahr von mir ausginge. Die Geschworenen folgten einstimmig der Anklage: Doppelmord aus Eifersucht. Das Urteil lautete: Lebenslang. Irgendjemand hatte Janas Bekanntschaft sein bestes StĂŒck mit einem scharfen Messer abgetrennt. Inmitten abnormer Rechtsbrecher warte ich Tag fĂŒr Tag und Nacht fĂŒr Nacht, dass meine Erinnerung zurĂŒckkehrt.

© Harald Hartl 2021-08-31

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