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#krankheit#leben#lebenseinstellung

Das höchste Gut

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Das höchste Gut | story.one

Wie schön könnte mein weiteres Leben verlaufen, wenn ich dies oder das nur bekäme. Nur ein einziges Mal müsste Fortuna sich erbarmen und mich als einen jener Menschen auswählen, dem das unfassbare Glück zuteil wird, finanziell unabhängig zu sein. Alles könnte ich mir dann zu eigen machen, auf nichts und niemanden müsste ich Rücksicht nehmen. Die ganze weite Welt stünde mir offen und läge mir zu Füßen …

Solche oder so ähnliche Gedanken schwirren tagtäglich, stündlich und minütlich in unzähligen Köpfen umher. Und ehrlich gestanden, hab auch ich das eine oder andere Mal mit dem Gedanken gespielt: >Was wäre wenn<?

Ein sehr guter Freund aus Jugendtagen, den ich zufällig am Eingang eines Krankenhauses traf, veränderte meine Sichtweise auf das Leben nachhaltig. Zunächst hatte ich ihn nicht wiedererkannt, als er auf mich zukam und fragte, ob ICH es tatsächlich wäre. Erst als er die FFP2 Maske für einen Moment >lüftete<, erkannte ich ihn wieder - an seinen Augen. Später dann, auf einer Bank im Spitalsgelände sitzend, auch an seiner Mimik und Gestik. Seine Stimme aber schien verändert.

Viele Jahre waren ins Land gezogen, als wir einander aus den Augen verloren hatten. Bald schon spürte ich wieder die alte Vertrautheit, die stets zwischen uns geherrscht hatte und so war es selbstverständlich, dass auch Privates zur Sprache kam. Von Frau und Kindern, dem Familienhund, dem Job, dem einmaligen Seitensprung mit seiner Jugendliebe und seiner daraus resultierenden Beinahe-Scheidung erzählte er. Plötzlich war er ernst geworden und sagte, dass das Leben ihm auch übel mitgespielt hat. Frank begann, sich etwas von der Seele zu reden, von dem ich annahm, dass es ihn sehr belastete. Er erzählte, dass er für eine lange Zeit seines Lebens davon geträumt hatte, einmal so viel Geld zu besitzen, um nicht Monat für Monat sich Gedanken darüber machen zu müssen, wiedermal sein Konto zu überziehen. Von einer Kreuzfahrt mit einem Ozeandampfer, einer Flugreise ans Ende der Welt oder einem supertollen Auto habe er früher sinniert.

Das Leben jedoch hatte etwas ganz anderes mit ihm vor gehabt. Nach einer simplen Vorsorgeuntersuchung stand bald fest, dass nicht langerhoffter Reichtum, sondern eine niemals von ihm in Betracht gezogene schwere Krankheit es war, die plötzlich eine völlig andere Richtung vorgeben sollte. Mit brüchiger Stimme und ernster Miene erzählte er, dass sein im Grunde schönes Leben am sprichwörtlich seidenen Faden gehangen war. Unzählige Untersuchungen, drei Chemotherapien, Schmerzen, Übelkeit und vor allem die Ungewissheit, diese Hürde überwinden zu können, um heil aus diesem Schlamassel herauszukommen, hätten ihn zu einem völlig anderen Menschen gemacht. Heute sei Materialismus ein Fremdwort für ihn, versicherte er mir eindringlich. Täglich bete er für seine und für die Gesundheit seiner Liebsten. Nun wisse er, was das höchste Gut im Leben sei.

Franks Geschichte hat auch in mir etwas ausgelöst: Unendliche Dankbarkeit!

© Harald Hartl 2021-09-20

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