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#lebensfreude#selbstzufriedenheit

Die beste Zeit im Leben

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Die beste Zeit im Leben | story.one

Je älter ich werde, desto sonderbarer werden meine Gedanken. Dann beschäftige ich mich mit Dingen, die mir noch vor zehn, vielleicht zwanzig Jahren nicht in den Sinn gekommen wären. Vermutlich ist das aber ein ganz normaler Prozess des Älterwerdens. Mein Erinnerungsvermögen reicht immer weiter zurück, bis in meine Kindheit, und wird auch stets präziser. Wenn ich mir ein imaginäres Metermaß vorstelle und einen Zentimeter mit einem Lebensjahr gleichstelle und sodann die Differenz zwischen meiner statistisch festgelegten Lebenserwartung und dem Ende des Maßes entferne, wird mir unmissverständlich und schonungslos vor Augen geführt, dass der Großteil meines Lebens bereits gelebt wurde. Dass auch ich nicht vor einem plötzlichen oder in absehbarer Zeit bestimmten Ableben gefeit bin, ist eine Tatsache, der ich mir vollends bewusst bin. Nicht zuletzt aus diesem Grund stellte ich mir die Frage, welche Zeitspanne in meinem Leben die beste, die glücklichste war, und ich denke, ich bin nicht der einzige Mensch, der sich darüber schon einmal Gedanken gemacht hat.

Waren es die Jahre meiner Kindheit, in den Sechzigern, oder die darauffolgenden ungestümen Jahre der pubertären Jugend? Oder doch etwas später, als junger Erwachsener, als ich bereits selbst Entscheidungen treffen konnte und durfte? Etwas später vielleicht, nach Absolvierung der Ausbildung, mit der ich den vermeintlichen Traumjob ausüben konnte, durfte, musste? Oder dann als junger Ehemann mit einem und einige Jahre später mit zwei Kindern? Durchlebte ich meine absolut beste Lebenszeit als erfolgreicher Sportler mit der Errungenschaft etlicher Titel, Pokale und Medaillen, oder begann das Allerbeste im Leben erst später, als Wertigkeiten begannen, sich zu verschieben?

Heute kann ich diese Frage ganz klar und mit aufrichtiger Überzeugung beantworten: Ob als ganz junger Mensch, in der Schule, in einer Lehre, bei der Ableistung des Präsenzdienstes, in einer Berufsausbildung oder in einem Studium, man ist in Wahrheit zu jeder Zeit seines Lebens fremdbestimmt. Man muss sich fügen und man muss funktionieren, wenn man etwas im Leben erreichen möchte. Auch im Leistungssport steht das >Muss< als möglicher Garant für Erfolg. Man muss arbeiten, um sich und seiner Familie ein möglichst angenehmes (Über)Leben zu bieten.

Irgendwann im Leben kommt jedoch hoffentlich der Zeitpunkt, an dem du nicht mehr vom Erfolgsdruck fast erdrückt wirst. Du hast alles erreicht, alles geschafft. Ist das Schicksal dann noch gnädig und beschert dir, von kleinen Abnützungserscheinungen oder Wehwehchen abgesehen, gute Gesundheit und hast du gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was das Leben für dich noch bereithält, dann befindest du dich vermutlich im besten aller Lebensabschnitte. Sind liebende Menschen an deiner Seite und bist du mit dir selbst im Reinen, dann kannst du getrost den dir noch verbleibenden schönen Jahren entgegenblicken.

Für mich trifft all das gottlob zu!

© Harald Hartl 2021-11-11

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