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#krankheit#leben#albtraum

Die Diagnose

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Die Diagnose | story.one

Mit hängenden Schultern und gesenktem Haupt kauert Julius auf dem unbequemen Stuhl. Wie ein Häufchen Elend rutscht er angsterfüllt und ungeduldig hin und her, wissend, dass das über ihm schwebende, mächtige Damoklesschwert augenblicklich den Anfang vom Ende seines Lebens einläuten könnte. Ein Damoklesschwert in der Gestalt des Krankenhausarztes, der jeden Moment den Raum betreten und ihm die Hiobsbotschaft überbringen würde. Julius feuchte Hände sind tief in seinen Hosentaschen vergraben, um schon im nächsten Moment fahrig imaginäre Fusseln von der leeren Platte des schlichten Bürotisches zu wischen. Besorgt blickt er zum schlaksigen Skelett in der Ecke des Arztzimmers und beneidet es, weil es das bereits hinter sich hat, was ihm aller Voraussicht nach demnächst bevorstünde - das Sterben. Dass er schon bald das Zeitliche segnen wird, ist so sicher wie das Amen im Gebet, denkt Julius und versucht, eine aufkeimende Traurigkeit zu unterdrücken. Er beobachtet das monotone Fortschreiten des Sekundenzeigers der kreisrunden grünen Uhr oberhalb der Eingangstür. Wie schön könnte doch alles sein, würden sich meine schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheiten, sinniert er und wischt sich verstohlen eine Träne von der Wange.

Julius schreckt hoch, als ein kleiner stämmiger Mann mit schwarzem Vollbart in einem weißem Kittel schwungvoll den Raum betritt. Seine Miene ist ernst, die Begrüßung ohne Händedruck knapp. Er kommt gleich zur Sache und eröffnet dem Patienten, dass die Untersuchungen vor zwei Wochen leider das zutage gefördert haben, was bereits ohnehin schon auf der Hand gelegen hatte. Ein bösartiger und sehr aggressiver Tumor, der aufgrund der prekären Lage operativ leider nicht mehr aus seinem Gehirn entfernt werden könnte, werde schon in wenigen Wochen seinem Leben ein Ende bereiten, meint der Mediziner emotionslos und rät Julius, seine Angelegenheiten schnellstmöglich zu regeln. Julius verspürt augenblicklich eine Enge in der Brust. Das Atmen fällt ihm schwer und er befürchtet, jeden Moment vom Stuhl zu kippen. Hundertausende Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Die anfänglich scheinbare Gelassenheit wird plötzlich von einem zunächst kaum hörbaren Schluchzen, das letztlich in lautes Schreien und Fluchen, begleitet von einem heftigen Weinkrampf, mündet, abgelöst.

Julius erwacht schweißgebadet aus diesem Albtraum. Wortlos geht er ins Bad und lässt minutenlang kaltes Wasser über seinen immer noch bebenden Körper rinnen.

Für neun Uhr ist die Befundbesprechung im Krankenhaus anberaumt. Schlimmer als im Traum kanns nicht kommen, denkt er und klopft zaghaft an die Tür. Als die attraktive Oberärztin ihm die Schnittbilder seines Schädels zeigt und ergänzt, dass alles in bester Ordnung sei und seine ständigen Kopfschmerzen wahrscheinlich von Verspannungen herrühren, hätte er sie am liebsten umarmt und gedrückt.

Wie sie wohl darauf reagiert hätte, denkt er lächelnd am Nachhauseweg.

© Harald Hartl 2021-10-01

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