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#trauer#tod#begräbnis

Gedanken zum “Todsein”

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Gedanken zum “Todsein” | story.one

…oder: Verbleichen müssen wir alle einmal.

Es beginnt alles mit unserer Geburt. Aufrichtige Freude darüber verspüren naturgemäß die Eltern, zumeist auch die Großeltern. Die Freude möglicher Geschwister hält sich nicht selten in Grenzen. Obwohl Verwandte, Bekannte, Nachbarn, manchmal sogar Fremde Glückwünsche spenden, rangieren wir in ihrer Wichtigkeitsskala weit unterhalb von Hauskatzen, Goldhamstern und Singvögeln. Von Hunden gar nicht zu reden.

Das Leben, egal wie lange es andauern mag, ist im Vergleich zur Evolution ein unmerklicher Wimpernschlag. Wer für uns darin wirklich wichtig ist, entscheiden nur wir alleine. WIR aber sind nur für einen sehr kleinen Kreis von Menschen wichtig.

Irgendwann nach einem gefühlt langen und doch so immens kurzen Leben kommt der Zeitpunkt, in dem der Moment nach dem Wimpernschlag beginnt – ausnahmslos und für jeden! Vielen Menschen ist es unangenehm, daran zu denken oder gar darüber zu reden. Sie schieben alle Gedanken an ihn, den Tod, beiseite. Für sie hat alles, was mit ihm zu tun hat, etwas Anrüchiges, Schreckliches, Furchterregendes, Unwiderrufliches. Verbleichen hört sich da schon etwas angenehmer, weicher, sanfter an. Er oder sie ist verblichen, und nicht: Er oder sie ist TOT! Wie grauenvoll ist doch der Gedanke, unwiderruflich tot zu sein. Nein, das Tot-Sein trifft nur die anderen – nicht uns selbst.

Und wenn doch? Was kommt danach? Zuerst muss es natürlich ein pompöses Begräbnis, eine würdige Gedenkfeier sowie einen feudalen Leichenschmaus geben. ´A scheene Leich´ sozusagen. Mit einem endlos langen Trauerzug. Nach dem Motto: Je länger, desto besser … war der Verblichene. Er muss ganz einfach ein guter Mensch gewesen sein, wenn so viele ihm die letzte Ehre erweisen. Der Pfarrer und der Mann, der ihn in Wahrheit gar nicht kannte, haben es in ihren nicht enden wollenden Lobeshymnen auf den Verblichenen doch gesagt. Er muss beinahe ein Heiliger gewesen sein. ER, dessen Hülle – die Seele befindet sich bestenfalls bereits ganz oben – regungslos im kostspieligsten aller Särge liegt.

Gerüchte über den Verblichenen werden gestreut: Untreu wäre er gewesen. Geizig auch! Schwer krank soll er gewesen sein. Schon seit langem. Nein! Es war ein Unfall, der ihn mitten aus der Blüte seines Lebens gerissen hat. Der oder die Hinterbliebene muss ja so schrecklich leiden, meint einer. Ein anderer dementiert sogleich und ist felsenfest überzeugt, dass es schon bald einen NEUEN geben wird.

Letztlich ist es egal, was über den Verblichenen vermutet oder behauptet wird. In ein, zwei Tagen, spätestens aber Ende der nächsten Woche, spricht niemand mehr von ihm. Und dem Verblichenen ist es völlig egal, wer zu seiner Beerdigung gekommen war oder was man über ihn erzählt. Der Verblichene ist nur tot – verblichen eben. Und das war er schon eine halbe Ewigkeit lang vor seinem Wimpernschlagleben und wird es eine ganze Ewigkeit lang danach sein. Versprochen! Verbleichen müssen wir eben alle einmal …

© Harald Hartl 2021-08-22

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