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#verboteneliebe#untreue#vertrauensvoll

Kuckuckskinder

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Kuckuckskinder | story.one

Kurz nach neun Uhr. Die Sonne blinzelt zum ersten Mal durch die noch vorhandenen Wolkenfetzen. Es hatte die ganze Nacht über ziemlich heftig geregnet. In der Stadt herrscht bereits reges Treiben. Ich stehe an einer Fußgängerampel und warte, bis das rote Männchen die Farbe wechselt. „Bist du es, oder bist du es nicht?“ Ich höre eine tiefe Männerstimme hinter meiner rechten Schulter. Wie beiläufig drehe ich meinen Kopf nach rechts und sehe in ein bärtiges Gesicht mit freundlichen Augen.

„Meinen Sie mich?“

“Kennst du mich wirklich nicht mehr? Gut, es ist eine Ewigkeit her. Ich hab dich sofort wiedererkannt." Der Mann, der schätzungsweise im gleichen Alter wie ich sein müsste, kommt mir nun doch bekannt vor. Na klar. Das ist doch … diese Augen, das lausbubenhafte Grinsen. Bingo!

"Phillip?“, frage ich und blicke vermutlich ziemlich dämlich aus der Wäsche. Es ist in der Tat mein Freund aus Kindheitstagen, mit dem ich einige Jahre die Schulbank gedrückt habe. Wir haben sogar nebeneinander in der Klasse gesessen und nachmittags zusammen Fußball gespielt. Phillip fragt, ob wir einen Kaffee trinken gehen. Keine zehn Minuten später sitzt er mir im nahen Restaurant gegenüber. Er erzählt, dass er Arzt, ein Chirurg, geworden ist. Der Draht zwischen uns ist noch vorhanden und mir scheint, er will etwas loswerden.

„Du glaubst gar nicht, wie verrückt das Leben spielen kann“, legt er plötzlich los. "Vor knapp zwei Monaten traf ich zufällig eine Frau in einem Café. Es war rappelvoll. Deshalb fragte ich sie, ob ich an ihrem Tisch Platz nehmen dürfte. Zwischen uns beiden entstand ein anregendes Gespräch und wir machten keinen Hehl daraus, uns gegenseitig sympathisch zu finden. Da war eine große Vertrautheit spürbar. Eine Vertrautheit, wie ich sie bislang bei einem fremden Menschen nicht kannte. Es folgten einige Treffen zwischen uns. Ich erzählte es meiner Frau und versicherte ihr, keinerlei Absichten zu hegen, mit dieser Frau, Julia, etwas anzufangen. Luisa, die niemals einen Grund gehabt hatte, eifersüchtig zu sein, vertraute mir und meinte, sie hätte kein Problem damit, wenn ich Julia treffen und mit ihr plaudern möchte.“

"Und dann ist es passiert“, werfe ich plötzlich ein, weil alles andere für mich nicht vorstellbar ist.

"Nein! Wo denkst du hin. Ich entdeckte immer mehr Ähnlichkeiten zwischen Julia und meinem verstorbenen Vater. Die Art wie sie spricht. Ihr verschmitztes Lächeln, die Zornesfalte und noch einiges mehr. Sie sagte, sie wäre ein Einzelkind. Ich fasste spontan einen Entschluss. Als Arzt ist es für mich ein Leichtes, an einen DNA-Abgleich zu kommen. Ein Haar von Julia genügte, um das Unfassbare herauszufinden. Julia ist tatsächlich meine Halbschwester", sagt Phillip kopfschüttelnd und wirft seinem Vater im Himmel einen strengen, vorwurfsvollen Blick zu.

An diesem Abend frage ich meine Luisa eindringlich, ob sie mir stets treu war. Wo doch unsere beiden Kinder kaum Ähnlichkeiten aufweisen …

© Harald Hartl 2021-09-01

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