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#rollstuhlfahrer#körperbehinderung#freiheitundselbstbestimmung

Meine schönsten Weihnachten

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Meine schönsten Weihnachten | story.one

Es war einer dieser alljährlich wiederkehrenden typischen Tage im Dezember. Warmer, trockener Fallwind strömte aus dem Süden in unser Land ein. Wäre schon Schnee gefallen, der Föhn hätte die weiße Pracht im Nu dahingerafft. Mutter klagte schon seit dem Vorabend über heftige Kopfschmerzen und Stella, meine einjährige Schwester, quengelte seit den frühen Morgenstunden vor sich hin. Ein neuer Zahn bohrte sich qualvoll durchs wunde Zahnfleisch. Übrigens, ich bin Max. Mutter rief mich meistens Maxi, aber das hörte ich nicht so gerne. Ich war damals fünf und ich wünschte mir nichts sehnlicher als dass mir das Christkind meinen größten Wunsch erfüllen würde. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre, was ich damals auf meinen Wunschzettel geschrieben hatte. Eine Woche vor dem 24. Dezember legte ich ihn dann auf das Fensterbrett zwischen den beiden Fensterscheiben in meinem Zimmer und hoffte, das Christkind oder einer seiner Engel würde ihn abholen. Der erste Blick nach dem Erwachen am nächsten Morgen galt stets diesem Zettel, der Jahr für Jahr, ohne Ausnahme, verschwunden war.

Es war zwei Tage vor Heiligabend. Ein herrlicher Duft von Mutters selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen machte sich im gesamten Haus breit. Nur noch einmal schlafen, und dann war es wieder soweit. Dann sollte das Christkind mir und Stella einen großen, mit Engeln, glänzenden Kugeln, bunten Kerzen und glitzerndem Lametta geschmückten Christbaum bringen. Die Sternwerfer würden ihre hellen Sternchen in alle Richtungen versprühen, nachdem die Glocke an der Spitze des Baumes mit Himmelsgeläute die Anwesenheit des Christkindes verkündet hatte.

Mutter schlug das dicke Märchenbuch zu, nachdem sie mir die Geschichte “Der Tannenbaum” von Hans Christian Andersen vorgelesen hatte und zog mir die Bettdecke sanft bis zum Hals hoch. Sie küsste mich liebevoll auf die Stirn und wünschte mir süße Träume. Ich betete, wie allabendlich, vor dem Einschlafen. Dieses Mal bat ich den lieben Gott ganz eindringlich, beinahe flehentlich, er möge doch dem Christkind auftragen, dass es meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen und mir das allergrößte Geschenk, das es für mich geben konnte, bringen sollte. Ich wusste, ich wäre das einzige Kind im ganzen Dorf, in der ganzen Stadt und womöglich sogar im ganzen Land, das so ein Himmelsgeschenk bekäme.

Es war Heiligabend. Frau Holle hatte wohl ein Einsehen gehabt. Glitzernde Flocken tanzten wirbelnd vom Himmel und überzogen das schmutzige Grau der Landschaft mit einer dicken weißen Decke.

Auch mein größter Wunsch an das Christkind hatte sich an diesem Weihnachtsabend erfüllt. ER stand vor dem geschmückten Baum. Ein neuer, größerer und modernerer Rolli.Und er hatte tatsächlich einen elektrischen Antrieb. Das Christkind hatte mir ein großes Stück Freiheit geschenkt. Meine schwachen, von Krankheit gepeinigten Ärmchen schafften es schon lange nicht mehr, die Räder meines alten Rollstuhles anzutreiben …

© Harald Hartl 2021-08-18

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