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#mutterliebe#muttersohn#ewigkeit

Mutti

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Mutti | story.one

Unzählige Geschichten, kürzere, längere, aber auch ganze Bücher handeln von ihr, der Mutter, auch liebevoll Mutti, Muttchen, Mami, zumeist jedoch Mama genannt. Was liegt da näher, als dass auch ich, ein begeisterter Schreiberling, Gedanken über meine geliebte Mutter – für mich war sie in meiner Kindheit zumeist die Mama, später dann die Mutti – in einer kleinen Geschichte festhalte. Wäre dieses Forum nicht auf 2500 Anschläge begrenzt, würde es vermutlich ein ganzes Buch werden …

Mutti war eine tolle Frau. Warmherzig, gütig, liebevoll, zärtlich, und wunderhübsch. Bilder von ihr als Mädchen und später dann als junge Frau faszinieren mich heute noch, und öfter als ein Mal dachte ich fast ein wenig wehmütig, warum sie mir nicht mehr von ihrer Schönheit vererben konnte. Später dann, im Alter, war sie eine gepflegte Frau, eine liebenswürdige alte Dame. Obwohl ich heute noch, fast zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod, ganz deutlich ihre harten Gesichtszüge vor mir sehe, meist dann, wenn sie von meinem Vater erzählte.

Sie hatte es wahrlich nicht leicht gehabt im Leben. Die Jugend wurde ihr durch den grausamen Krieg gestohlen. Als Mädchen musste sie, wie andere Mädchen und Frauen auch, einen Wehrmachtsdienst ableisten. Natürlich nicht als Soldatin mit der Waffe im Anschlag, aber harte Arbeit im Kriegsalltag war damals selbstverständlich gewesen.

Später dann kam mein Vater ins Spiel. Mit ihm hatte sie, in der Nachbetrachtung, nicht gerade das ›große Los‹ gezogen. Vermutlich war sein Nachholbedarf an Vergnügen und anderen Frauen sehr groß. „Die Gefangenschaft in Russland hat ihn hart gemacht“, meinte einst seine Mutter, meine Oma, zu Mutti. Diese ›Härte‹ bekam leider auch ich manchmal zu spüren. Meine Eltern ließen sich scheiden als ich fünfzehn war. Später, kurz vor dem Tod meines Vaters, heirateten sie erneut. Der Grund dafür war wohl die finanzielle Absicherung von Mutter; sie hatte somit Vaters Pensionsanspruch übernommen.

Mein Halbbruder, den Mutti in die Ehe mitbrachte, sowie meine Schwester, verstarben leider sehr früh. Mit zweiundachtzig brach bei meiner geliebten Mutti ein Wirbel im Rücken ein. Es war der Anfang vom Ende ihres Lebens. Sie ertrug einige Wochen lang heftige Schmerzen. Als ich sie eines Tages im Krankenhaus besuchte, flüsterte sie mir ins Ohr, dass sie keinen Lebenswillen mehr hätte. Das konnte ich gut nachvollziehen und hoffte, dass ihr unsägliches Leiden und menschenunwürdiges Fristen im Krankenhaus nicht unnötig in die Länge gezogen würde. Einige Tage darauf schlief sie im Morgengrauen für immer ein. In dieser Nacht träumte ich, dass sie von mir gegangen ist, und ich habe sie sogar in diesem Traum ein Stück weit begleitet.

Ich denke öfter an Mutti und kann sie immer noch vor mir sehen. An ihrem Geburtstag wie auch an ihrem Sterbetag entzünde ich stets bei Einbruch der Dunkelheit eine Kerze und verspüre immer noch die gleiche Liebe für sie, meine liebe Mutti, deren kommender Geburtstag der 100ste wäre.

© Harald Hartl 2021-08-29

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