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#überehrgeiz#workaholic#zusammenbruch

Schneller, höher, weiter

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Schneller, höher, weiter | story.one

Citius, altius, fortius. Das fast einhundert Jahre alte olympische Motto trifft es ziemlich genau, was ich nachstehend zum Ausdruck bringen möchte. Also schneller, höher, weiter. Erfolg durch Anstrengung und mehr Erfolg durch mehr Anstrengung heißt die von uns selbst ausgegebene Parole, und nicht wenige sind davon überzeugt, dass immer noch Luft nach oben vorhanden sei, um noch bessere Leistungen zu erbringen, sich selbst noch mehr abzuverlangen, um dem anderen stets einen Schritt vorauszusein. Ohne Rücksicht auf Verluste - auf eigene Verluste! Koste es, was es wolle, und sei es die eigene Gesundheit, das eigene Leben.

Die Geschichte von Karli soll veranschaulichen, was zu viel an >Stress<, zuviel an >Ehrgeiz<, zuviel an >Da geht noch mehr< im schlimmsten Fall bedeuten kann.

Karl Ludwig, alle riefen ihn stets Karli, war ein wirklich lieber kleiner Junge. Etwas korpulent, ziemlich dick trifft es besser, ein wenig bequem, ziemlich faul bringts auf den Punkt, und bei der Ausgabe der >Lebenseigenschaften< hatte er bei >Ehrgeiz< vermutlich vergessen, die Hand zu heben und sich bemerkbar zu machen. Was so viel bedeutet, dass diese Eigenschaft ihm für eine lange Zeit seines Lebens eher fremd war. Karli war jedoch nicht unintelligent. Er war nett, zuvorkommend, kommunikativ, hilfsbereit und vor allem ein sehr empathischer Zeitgenosse. Jedoch hasste er alles, was im Zusammenhang mit Bewegung, körperlicher Anstrengung oder gar sportlichem Wettbewerb stand.

Das alles änderte sich schlagartig, als er mit fünfzehn sich mehr und mehr zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlte. Ein Mädchen, Karoline, hatte es ihm besonders angetan. Schnell begriff er, dass seine Angebetete sportliche Typen bevorzugte. Von da an gab es für Karli kein Halten mehr. Er informierte sich eingehend über gesunde Ernährung, begann mit dem Laufsport und quälte sich fortan regelmäßig im Fitnessstudio. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Mit siebzehn besaß der einst pummelige Karli einen wohlgeformten Körper mit gestählten Muskeln und mehrmals die Woche spulte er zehn Kilometer zügig laufend ab. Karoline erhörte seine Avancen dennoch nicht, jedoch tröstete er sich durch etliche Bekanntschaften mit hübschen Mädchen darüber hinweg.

Karli war Vierzig geworden. Er war ein Workaholic. Mit Sport hatte er nichts mehr am Hut - noch weniger als in seiner Kindheit. Alles drehte sich nur mehr um Gewinnmaximierung. Er rauchte und trank auch gerne mal das eine oder andere Glas Bier oder Wein zuviel. Mehr, mehr, mehr, war sein Anspruch. Mehr Gewinne. Mehr Erfolg. Besser sein als der Mitbewerber! Warnzeichen des Körpers wurden ignoriert, ärztliche Ratschläge negiert.

Es kam, wie es kommen musste: Karli erlitt kurz vor seinem 50. Geburtstag einen Schlaganfall. Eine schwere Arteriosklerose hatte ihm einen gewaltigen Strich durch die falsche Rechnung gemacht. Er überlebte nur knapp. Heute erlernt Karli in der Reha mühevoll wieder das Gehen.

© Harald Hartl 2021-10-07

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