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#wahrheit#vertrauen#treue

Seitensprung

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Seitensprung | story.one

Es war neulich abends und ich verfolgte gerade die Nachrichten, die lang und breit über die Abgründe der heimischen Politik und deren Verfasser äußerst beschämender Chatnachrichten sowie unfassbarer Korruptionsvorfwürfe höchster Volksvertreter berichteten, als plötzlich mein Handy wie wild zu vibrieren, begleitet durch nerviges Brummen, begann. Ich stelle es abends zumeist auf lautlos oder schalte es aus, weil kaum jemand zu dieser Zeit die Konversation mit mir sucht. Ein kurzer Blick aufs Display verriet, dass mein guter Freund nach mir verlangte. Wir kennen uns bereits einige Jahrzehnte lang und ich wusste, dass ein Anruf von ihm, noch dazu um eine Uhrzeit, zu der ich mich nur ungern stören lasse, was wiederum er wusste, einer höheren Dringlichkeitsstufe zugeordnet werden musste. Und so war es dann auch. Er signalisierte ein unüberhörbares SOS. Nach der Floskel einer Entschuldigung über die späte Störung und der Frage, ob er eh nicht störte, legte er los und meinte, dass ich ja wüsste, dass er seiner Liebsten, Emma, uneingeschränkt treu wäre. Noch bevor ich das bejahen konnte, fuhr er fort und ließ seinem Ärger, dass seine bessere Hälfte ihn der Untreue bezichtigte, freien Lauf. Ich schwieg, weil ich wusste, dass ein Einwand meinerseits auf taube Ohren stoßen würde. War Alois mal in Fahrt, war es besser, ihn nicht zu unterbrechen.

Er erzählte, dass er rein zufällig in einem Café in der Stadt seine Jugendfreundin Maria wiedergetroffen hatte. Ich war überzeugt, dass Luis den Vorsatz der Treue über Bord geworfen hatte, und war enttäuscht. Er erzählte ohne hörbar Luft zu holen weiter und ließ mich wissen, dass er diese Maria, mit der vor gefühlt einem halben Jahrhundert für wenige Wochen etwas gelaufen war, auch zuhause besucht hatte - mehrmals und seit nunmehr drei Wochen. Es kam, wie es kommen musste: Nicht antrainierte Ausreden, Parfumgeruch einer offensichtlich anderen Frau und umständliche Ausflüchte, wenn Emma einforderte, die >Wahrheit< zu gestehen. Sie sagte ihm auf den Kopf zu, dass er sie betrüge. Luis` Stimme war plötzlich leise geworden, fast weinerlich. Diese Gelegenheit nützte ich, ihn zu fragen, ob die Vorwürfe seiner Frau der Wahrheit entsprachen, obwohl ich keine Zweifel hatte, dass dem so war. Er ist halt auch nur ein Mann, dachte ich und ertappte mich dabei, triumphal zu schmunzeln. Somit wäre ich das einzige männliche Exemplar, das bislang standhaft geblieben war.

“Wo denkst du hin!”, fauchte er ins Telefon. Ich wollte Emma zu unserem runden Hochzeitstag ein besonderes Geschenk machen und sie zum Tanzen ausführen. Da ich aber zwei linke Füße habe und Maria mir anbot, es mir beizubringen - sie ist übrigens Tanzlehrerin -, betrachtete ich das als Chance, meiner Liebsten eine Riesenfreude zu bereiten. Was rätst du mir, mein Freund?"

“Sag´s ihr einfach. Sag ihr, dass du nur sie liebst. Nimm sie mit zu Maria und alles wird gut!”

Luis bedankte sich überschwänglich. Die Nachrichten waren längst vorbei.

© Harald Hartl 2021-10-10

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