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#untreue#lebenspartner

Zu dir oder zu mir?

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Zu dir oder zu mir? | story.one

Ein altes Mietshaus in einer, gelinde ausgedrückt, nicht sehr noblen Wohngegend. In der Nähe eine Kreuzung, von der man das Abbremsen und wieder Anfahren sämtlicher Vehikel bis in den letzten Winkel der dunklen Wohnungen hört. Alte lärmdurchlässige Fenster tragen das Ihre dazu bei. Die Ohren der Mieter schmerzen, wenn die Straßenbahn quietschend zum Stillstand kommt.

In eben diesem Mietshaus bin ich vor geraumer Zeit eingezogen. Vorübergehend! Eile war geboten. Auf nähere Gründe, weshalb ich mich in dieser Notlage befunden habe, möchte ich nicht eingehen. Nach meinem Einzug sind nun alle Wohnungen belegt. Der Altersdurchschnitt der Hausbewohner liegt schätzungsweise bei Siebzig. Würden Milla, meine Wohnungsnachbarin, und ich ausziehen, läge er um einiges höher. Wir wohnen im ersten Stock. Jeder in diesem Haus weiß etwas über den jeweils anderen, oder glaubt, etwas zu wissen. Manchmal wird auch nur eine Geschichte erfunden, um Tratsch und Klatsch zu befeuern. Milla und ich sind vermutlich die einzigen, die das Privatleben anderer völlig kaltlässt. Eines Tages standen wir im Flur, jeder vor seiner Wohnungstür, und bemerkten, dass Frau Maier aus dem zweiten Stock unserem belanglosen Plausch ihr Ohr lieh.

“Zu dir oder zu mir?“, fragte ich Milla spontan und in einer Lautstärke, die ausreichte, dass auch der schon etwas schwerhörige Herr Müller vom Parterre es ohne Weiteres verstehen konnte. Auch er belauschte aufmerksam das Gespräch im ersten Stock. Milla grinste. Sie hatte meine Absicht erkannt.

“Gerne bei mir!", kam es spontan um noch einiges lauter zurück.

"Okay, ich hol noch eine Flasche Wein. Mach dich hübsch“, erwiderte ich und musste aufpassen, nicht höllisch loszulachen. Wir verschwanden eilig jeweils in unsere eigene Wohnung. Von nun an veranstalteten wir regelmäßig derartige Spielchen, indem wir einander wie heimlich zuzwinkerten. Ein andermal grüßten wir uns kaum, um bei nächster Gelegenheit in Millas oder meiner Wohnung zu verschwinden. Stets dann, wenn wir beobachtet wurden. Als die Luft wieder rein war, beendeten wir das Spiel und genossen es, damit das Rennen um das beste Gerücht entfacht zu haben. Wir standen unter ständiger Beobachtung. Die Mieter waren überzeugt, dass wir eine heimliche Liaison hatten.

Hinter unserem Rücken wurde getuschelt. Einmal fragte Herr Sauer vom Parterre, wann Milla und ich unsere wilde Beziehung mit dem Bund der Ehe legalisieren wollten. Wir beschlossen, es auf die Spitze zu treiben. Es war Samstag Mittag, als Millas langjährige Partnerin, Eva, mich besuchte. Rene, in den ich mich erst vor Kurzem unsterblich verliebt hatte, huschte in Millas Wohnung. Alles war abgesprochen. Die Wohnungstüren öffneten sich einen Spalt breit, und wurden sogleich wieder geschlossen. Von da an wurde getuschelt, was das Zeug hielt. In den Augen aller waren wir untreue Fremdgänger. Dass Milla eine Frau und ich einen Mann liebte, war ihrer Neugierde jedoch bis heute entgangen.

© Harald Hartl 2021-08-31

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