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#familie#kinder#gesellschaft

Komitee auf Reisen

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Komitee auf Reisen | story.one

Lange Zeit hatte ich keinen Schimmer davon, dass ich ein eigenes auf mich abgestimmtes Komitee besitze. Aber meine Ahnungslosigkeit sollte sich ändern und das kam so:

Fast exakt 100 Jahre nachdem H. Mann seinen Diederich erschaffen hatte, geriet unsere Familie, um es mit seinen Worten zu formulieren "unter eine noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende Gewalt: die Schule." Mit Eintritt unseres Ältesten ins System verschlang uns dieses mit Haut und Haar. Wir standen am Rande des Wahnsinns. Ich will mich kurz fassen, denn es sind vielschichtige und recht komplexe Bedingungen, die uns in diesen Abgrund blicken ließen. Es gibt in unserer Geschichte kein schwarz und kein weiß. Vielleicht weil dieser "maschinelle Organismus" wie Mann ihn nennt, alle Beteiligten gleichermaßen in seinen Mechanismen gefangen halten darf.

Um dem Zustand des Wahnsinns Einhalt zu gebieten, bekam ich einen Mutanfall der gehobenen Kategorie und beschloss auszusteigen. Es war mein erster großer Mutanfall. Ich entschied mich für den klaren Schnitt auch Homeschooling genannt.

Da lag ich wach mitten in der Nacht. Meine bessere Hälfte schlief schnarchend tief und fest. Ich konnte nicht schlafen, wieder einmal. Denn seien wir uns mal ehrlich, mit dieser Entscheidung war es um meinen Verstand geschehen.

Als ob mir dies eine höhere Macht bestätigen wollte, öffnete sich die Schlafzimmertür und eine Gruppe mir wage bekannt vorkommender, unbekannter Gestalten, betrat das Zimmer. Die mächtige, dicke Gestalt, mit großer Ähnlichkeit eines Onkels dritten Grades, schnarrte mit tiefer Stimme: " Fräulein, so geht das nicht weiter. Jetzt ist aber Schluss mit dem Blödsinn." Eine hohe Frauenstimme, die sich wie meine Mathelehrerin anhörte, rief:" Hör mal, du hast doch nicht mal eine Ausbildung dafür." Von allen Seiten begannen Gestalten unterschiedlichster Generationen Einwände einzuwerfen "Dein Kind wird keine sozialen Kontakte mehr haben und vereinsamen." Sie drängten sich näher an mein Bett. "Du selber wirst den höchsten Preis zahlen und in den drei Ks ersticken. War es das was du wolltest?" "Was werden die Leute von euch denken?"

Da setzte ich mich auf und erhob meine Stimme:" Ruhe jetzt! Ich bin die Expertin für mein Leben." Sie schauten mich an gebannt und ein bisschen erschrocken. Eine Fistelstimme aus dem Hintergrund piepste: " Aber bisher hast du doch immer auf uns gehört. Wir sind doch dein Komitee. Sogar sichtbar haben wir uns gemacht für dich. Wie bist du doch undankbar!" Ich seufzte tief:" Wenn das so ist, lasst uns einen Deal machen. Ich zahle euch einen Trip auf die Malediven und ihr lasst mich in Ruhe." "Nun gut Fräulein", meinte mein Uronkel "da kann ich nicht nein sagen." Und alle lösten sich in Luft auf.

So begann ich erfolgreich mit dem häuslichen Unterricht. Mein Komitee besucht mich ab und an. Gepackt vom Reisefieber kommen sie aber immer seltener, denn sie wissen jetzt wer der Experte für dieses Leben ist.

© Heidi Collon 2019-12-16

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