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Das waren noch Zeiten...

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Das waren noch Zeiten... | story.one

Vor kurzem traf ich eine alte Schulkollegin. Das Wort alt ist in unserem Fall leider keine Floskel. Wir hatten uns viel zu erzählen. Ganz besonders von der guten alten Zeit.

Ich sagte zu ihr: „Erinnerst du dich noch, wir saßen mit 39 Mitschülern in einer Klasse. Schulpsychologen brauchten wir trotzdem nicht, im Gegensatz zur heutigen Jugend“.

„Ja“, du hast ja so recht!“ stimmte sie mir zu. Und dann zählten wir auf, was es alles zu unserer Jugendzeit nicht gab: Wir wurden vor der Erfindung des Fernsehens, der Fertigmenüs und vor allem vor der Pille geboren. Damals gab es noch keine Geschirrspüler, keine Waschmaschinen, von einem Handy ganz zu schweigen. Wir trafen unsere Verabredungen noch persönlich und schrieben uns Liebesbriefe. E-Mail haben wir mit Porzellan in Verbindung gebracht.

Wir haben noch draußen gespielt und Schmutz gegessen. Unsere Mütter hatten deswegen keine Angst um unsere Gesundheit. Es gab diese Panikmache vor Viren nicht und Läuse am Kopf waren an der Tagesordnung. Wir haben zuerst geheiratet und sind dann erst zusammengezogen. Die Kinder haben wir im Kreissaal ohne deren Väter bekommen und wir wickelten sie mit Stoffwindeln, denn Pampers war ein Fremdwort, mit dem noch niemand etwas anfangen konnte.

Es gab keinen Silberschmuck in den Augenbrauen, keine Tattoos und wir hatten jede Menge Haare unter den Achseln. Es gab gestrickte Strümpfe und Schuhe mit festen Sohlen. Und wir mussten mit dem auskommen, was wir hatten. Über unsere Verhältnisse zu leben, war undenkbar. Schulden zu machen, schloss einem aus der Gemeinschaft aus.

Wir kauften Mehl und Zucker noch im Stanitzel und machten uns die Semmelbrösel selber. Gebrauchtes Geschenkpapier bügelten wir und verwendeten es für nächste Weihnachten. Alte Zeitungen wurden verheizt oder zum Fensterputzen verwendet. In kleinere Abschnitte geschnitten wurde es für hinterhältige Zwecke eingesetzt.

Unser Highlight war ein Kinobesuch am Wochenende, wo wir in der Wochenschau 14 Tage im Nachhinein erfuhren, was in der Welt passiert ist.

Das Geld brachte der Postbote und unsere Sprache war „anders.“ Wir sagten „Oh“ und nicht „Wow“, statt „Hi“ sagten wir „Grüß Gott“ und anstelle von „Okay“ oder „geil“, sagten wir einfach „schön!“

Die Unterschiede oder besser gesagt die Kluft zwischen den Generationen lässt sich wohl auch damit erklären. Die Zeit ist einfach über uns hinweggebraust. Doch wir haben dies alles überlebt und sind, laut einer Computerstatistik, die gesündeste Generation. Wobei ich sehr wohl dankbar für die Segnungen der Neuzeit bin. Ich denke einfach, dass ein Mittelweg für alle -ob jung oder alt – als Beweis für unsere überholte, aber vernünftigere Lebensweise durchgehen könnte!

© Heidrun Siebenhofer 2020-02-05

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