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Der Geist auf der Schulter

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Der Geist auf der Schulter | story.one

Vor kurzem traf ich eine alte Schulfreundin. Das Wort alt ist in unserem Fall leider keine Floskel. Elke erinnerte mich an eine Begebenheit, die ich schon vergessen hatte. Sie betraf unsere MitschĂŒlerin Lore.

Wir besuchten die dritte Klasse der Volksschule. An jenem Donnerstag hatte sich fĂŒr Lore plötzlich die Welt auf den Kopf gestellt . Es sollte nicht nur fĂŒr sie ein unvergesslicher Tag werden.

Wir hatten von neun bis zehn Uhr Freistunde. Unerwartet. Der Klassenlehrerin war schlecht geworden und sie musste zum Arzt gehen .

Lore und ihre beste Freundin Ilse waren mit den anderen auf den Schulhof gelaufen. Sie wollten Hannes, einen SchĂŒler der vierten Klasse fragen, warum er ein blaues Auge hatte. Sie hatten so eine Vermutung. Doch auf dem Weg zu ihm wurde Lore von einem anderen Jungen von hinten geschubst, worauf sie mit dem Kopf auf dem Pflaster aufgeschlagen und eine kurze Zeit lang benommen liegen geblieben ist.

Anschliessend behauptete Lore steif und fest, ein Geist sitze auf ihrer Schulter. Sie brauche ihn nur befehlen, schon helfe er ihr aus jedem Schlamassel heraus. Nach der Schularbeit am nĂ€chsten Tag haben wir sie gefragt, warum er ihr nicht dabei geholfen habe, weil...da hĂ€tte sie Hilfe bitter nötig gehabt...aber Lore sagte, sie wolle seine GutmĂŒtigkeit nicht ĂŒberstrapazieren.

Ganz sicher waren wir uns nicht, dass es den Geist gab, aber wir Kinder haben an vieles geglaubt, ohne etwas je zu Gesicht bekommen zu haben.

Als Tage spĂ€ter ein Junge in der großen Pause Lore an den Zöpfen zog, dass sie vor Schmerz in die Knie gegangen ist, hat sie daraufhin dem Buben zornig angedroht: "Warte nur! Mein Geist wird mich rĂ€chen!" Und tatsĂ€chlich! Keine fĂŒnf Minuten spĂ€ter hat es den Herbert derart schwungvoll auf den Hosenboden gesetzt, dass seine blau-gemusterte Unterhose ein großes StĂŒck zu sehen war. Das gab vielleicht ein schadenfrohes GelĂ€chter. Elke meinte zwar, Herbert hĂ€tte nicht wissen können, dass von hinten ein Ball auf ihn zugerollt sei, aber der grĂ¶ĂŸte Teil der Klasse sah darin das Werk von ihrem Geist.

Ja, Lore und der Geist auf ihrer Schulter waren noch lange der GesprĂ€chsstoff fĂŒr die ganze Schule. Das zu einer Zeit, wo Esoterik noch ein Fremdwort war. Könnte man heute auch noch so "glĂ€ubig" sein, wĂ€re sicher vieles leichter im Leben.

© Heidrun Siebenhofer 2020-02-29

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