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Wir reden zu wenig miteinander...

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Wir reden zu wenig miteinander... | story.one

Psychische Verletzungen haben hĂ€ufig einen scheinbar unbedeutenden Ursprung. Es sind oftmals nur Kleinigkeiten, die sich mit der Zeit zu einer unĂŒberwindlichen Mauer aufbauen können. Über die man jedoch nicht spricht. Man will ja schließlich nicht als jemand dastehen, der den Anschein erweckt, mit dem Leben nicht zurechtzukommen. Nicht selten verpasst man auch den "richtigen" Zeitpunkt, um etwas wieder ins rechte Lot zu bringen.

Das passiert sicherlich jedem von uns. Viele Mitmenschen tragen Unausgesprochenes als Seelenlast mit sich herum, anstatt auszusprechen, was ihnen Erleichterung bringen wĂŒrde. Wir alle verĂ€ndern uns im Laufe unseres Lebens. Erfahrungen und Erlebnisse - im guten wie im schlechten - hinterlassen ihre Spuren: am Äußeren und vor allem an der Seele.

Man kann im Leben viele Fehler begehen. Einige sind verzeihlich. Manche nicht. Manche verursachen einen Riss im Herzen und wiegen schwer. Doch eines hilft immer: DarĂŒber reden! Nicht zumachen! Den Wert einer Aussprache schĂ€tzen und spĂŒren, dass eine Umarmung mehr Kraft hat als jede E-Mail dieser Welt.

In dieser Zeit des Umbruchs wird uns mehr als bisher bewusst, dass Sprachlosigkeit eine der großen Gefahren unserer Gesellschaft ist. Wir reden nicht mehr miteinander. Das passiert heutzutage auch in Familien immer öfters. Das persönliche GesprĂ€ch tritt immer mehr in den Hintergrund. Wir kommunizieren digital. Da sind wir immer erreichbar. Man tauscht Emojis aus und verschweigt, was man wirklich sagen möchte. Wir bewerten Politiker und ihr Tun, urteilen ĂŒber die Mitmenschen, aber reden nicht ĂŒber die eigenen GefĂŒhle.

Ich ertappe mich immer wieder, dass ich in diese alten Muster rutsche. Dann schweigt mein Mund und die Angst vor dem Verletzt werden gewinnt die Oberhand. Um wieder in meine Kraft und StabilitĂ€t zu kommen, hilft mir nur eines - darĂŒber zu reden.

Nur dadurch erfahre ich, dass in SchwĂ€chen auch StĂ€rken zu erkennen sind. Dass im Verlust ein Gewinn, im Problem eine Chance zu finden ist. Dass miteinander reden einen wie auf FlĂŒgeln ĂŒber jedes Hindernis tragen kann. Das Leben kann so schnell eine dramatische Wendung nehmen. Es kann alles so schnell vorbei sein. Und dann ist es zum Reden zu spĂ€t.

Das Leben und die uns geschenkte Zeit liegen nicht in unserer Hand. Aber an uns liegt es, die gemeinsame Zeit nicht sprachlos sondern im Dialog zu verbringen. Das schenkt der Liebe, der Familie neue Kraft. Es ist nicht wichtig, dass es fehlerfrei gelingt. Es ist nur wichtig, dass es ĂŒberhaupt geschieht!

© Heidrun Siebenhofer 2020-10-13

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