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“Wir haben das Glück erfunden”

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“Wir haben das Glück erfunden” | story.one

Alle Lust will Ewigkeit. Der Philosoph Friedrich Nietzsche lebte bekanntlich bereits im 19. Jahrhundert. Manche seiner Gedanken können nahezu als prophetisch für unsere Konsum - und Spaßgesellschaft betrachtet werden: Konrad Paul Liessmann beleuchtet in seinem neuesten Buch dieses Thema sehr ausführlich.

In seinem berühmten und berüchtigten poetisch-philosophischen Hauptwerk, Also sprach Zarathustra beschreibt Nietzsche den “letzten Menschen”-eine schwach und müde gewordene Gestalt, die in vielem an die Life-Style-Figuren und ihre Kultur erinnert. “ Wir haben das Glück erfunden-sagen die letzten Menschen und blinzeln.” Nietzsche hat hellsichtig erkannt, dass das Glück eine sehr späte Errungenschaft ist.

Gesundheit und Achtsamkeitstraining

Tatsächlich gemahnen Nietzsches hämische Entwürfe des letzten Menschen an zahlreiche Moden und Trends, die unser modernes Leben und seine Ideologie ausmachen. Die letzten Menschen verlassen die Gegenden, wo es hart ist zu leben, und suchen die “Wärme” der anderen Menschen. Und dann liest man den geradezu prophetischen Satz: “ Man geht achtsam einher". Man kann, wenn man will, darin eine Vorwegnahme des Gesundheitskultes und des Achtsamkeitstrainings unserer Tage sehen, die versuchen uns zu vermitteln, dass alle Gegensätze mit ein bisschen Achtsamtkeit in Wohlgefallen aufgelöst werden könnten. Ja natürlich: Man arbeitet noch, aber auch die Arbeit muss wie alles zu einer “Unterhaltung” werden, die den Menschen nicht weiter angreift. Lernen und Leben werden ja forciert, alles muss “Spaß”machen.

DerZusammenhang von Lust und Leid wird ausgeblendet

“Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht, aber man ehrt die Gesundheit.”Nicht nur in Zeiten unserer grassierenden Pandemie erscheinen so Sätze in ihrer Bissigkeit hellsichtig. Die Lüste selbst unterliegen dem Regime der Gesundheit, das betrifft das Rauchen ebenso wie den Sex, das Essen ebenso wie das Trinken, und es trifft auch die rar gewordenen geistigen Genüsse: nur keine inkorrekten Formulierungen, nur keine Sprache, die irgendein Gleichstellungsprinzip verletzten könnte.

Der letzte Mensch scheut deshalb den Konflikt und den Schmerz, er nimmt ein wenig Gift ab und zu, um angenehm zu träumen und “viel Gift zuletzt: das macht angenehmes Sterben”. Da denke ich sehr rasch an die Debatten um den assistierten Suizid, bei dem es ja längst nicht mehr nur um die Beendigung eines unheilbaren, schmerzhaften Leidens gehe, sondern um ein angenehmes Sterben, das den Betroffenen ebenso zugutekommt wie den Angehörigen und den Sozialversicherungen.

Genügt uns dieses Glück?

“ Wir haben das Glück erfunden",sagen die letzten Menschen und blinzeln:” Ich meine halt, es ist das Glück des Konsums und der Bequemlichkeit, das Glück der sanften Betäubungen und harmlosen Vergnügungen. Ob uns dieses Glück genügt oder nicht, ist eine Frage , die sich jedem von uns stellt.

© Hermann Exenberger 2021-10-14

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