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#soziales

Nachtschicht

  • 31
Nachtschicht | story.one

September 1987.

Rathaus Wien. Überreichung des Diploms von einem Typen, dessen Namen ich vergessen habe, da er eh nichts für die Pflege bewirkt hat. Und seine Nachfolger auch nicht. Das Thema Pflege ist zu heiss. Es wurde noch kein Handschuh entwickelt, um es anzugreifen. Das Krankenhaus Lainz wurde in Krankenhaus Hietzing umbenannt.

Damals.

Sofort nach meiner Diplomierung stürzte ich mich ins Arbeitsleben. Ich war stolz, mit neunzehn Jahren eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen zu haben und in einem systemrelevanten Job arbeiten zu dürfen. Ein Job mit Zukunft, hieß es damals. Der Schichtdienst störte mich nicht. Ich gab alles. Arbeiten am Tag, arbeiten in der Nacht, arbeiten am Wochenende, arbeiten am Feiertag. 48 Wochenstunden. Doch nur am Papier. Die Realität sah anders aus. Endlich konnte ich das gelernte in die Praxis umsetzen. Ich wurde Spezialist für Blutabnahmen. Keine Vene war vor mir sicher. Egal ob Tag, Nacht, Wochenende oder Feiertag. Ich kam, sah, stach und traf. Regelrecht süchtig wurde ich nach der Arbeit und so schnupfte ich jeden Dienst, der nicht besetzt war. Ja, auch das Krankenpflegepersonal war damals und ist heute vor Krankheiten nicht gefeit. So war es nicht unüblich, dass aus den 48 Wochenstunden 60 und mehr wurden. Kein Hahn krähte danach.

Gestern.

Das Comuterisierte Dienstplanprogramm On Duty meldet jede Verletzung der Wochenstundenverpflichtung und man muss schon speziell geschult sein, um die Verletzung so zu begründen, dass es am Papier passt. Einfach zu sagen, “es herrscht immer noch Personalmangel, die Posten werden nicht nachbesetzt, die Kollegen sind nicht mehr die jüngsten, die Kollegen können nicht mehr," zählt für die Schreibtischtäter nicht.

Heute.

Nach drei Wochen Leben, trotz Einschränkungen, geht es wieder los. Der Urlaub vorbei, der nächste in weiter Ferne. Nach über 30 Jahren arbeiten am Tag, arbeiten am Wochenende, arbeiten am Feiertag, arbeiten in der Nacht, spricht mein Körper endlich zu mir. Er zeigt mir das Zeichen 206. STOPP!

Als Held der Pandemie, mit Applaus überschüttet und wieder vergessen, schleppe ich mich nach wie vor von einer Nachtschicht zur nächsten und merke, dass mir Nachtschicht wirklich nicht gut tut. STOPP! Ich merke, wie sich mein Wesen am Schlaftag verändert, ich merke, wie sich mein Wesen vor der Nachtschicht verändert und ich merke, dass zwei Tage pro Nachtschicht verloren sind. 2 Nächte in der Woche, 8 Nächte im Monat, 96 Nächte im Jahr, 2880 Nächte in 30 Jahren. 2880 Nächte ohne Schlaf. Der Tag vor der Nacht zum vergessen, der Tag nach der Nacht zum vergessen. STOPP!

Jetzt erst merke ich, dass es sich nie lohnt, die innere Uhr zu ignorieren.

Und so habe ich für mich beschlossen, morgen meine letzten zwei Shuntnadeln zu setzen, mein Diplom an den Nagel zu hängen und meinen Posten denen zu überlassen, die den Pflegeberuf neu erfunden haben:

den Bachelor's of Science in Health Studies.

Aber vorher löse ich den Scheck von Ragnar ein.

D'ehre!

© Herr Odri 2021-09-15

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