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#rassismus#klimawandel#zusammenleben

Darf ich mich ärgern?

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Darf ich mich ärgern? | story.one

Wir schreiben das Jahr 2022.

Im Januar trat Eric Adams nach Bill de Blasio das Bürgermeisteramt an. In der Geschichte ist es eine Besonderheit, dass er als Oberhaupt antritt. Er zeigt ein Bild seiner Mutter am Times Square.Im Februar stürzt Rayan in einen Brunnen und fällt 32 Meter tief. Nach wenigen Tagen und viel Mühe wurde der Junge nicht mehr lebendig aufgefunden. Im März herrscht Krieg. Sanktionen erwarten eine Regierung, bezogen auf Banken, den Finanzmarkt, schwarze Listen, die entstanden sind mit wichtigen Namen darauf. Sogar die Luxusgüter, unter anderem Yachten, wurden aus dem Verkehr gezogen. Im April feiert die Welt einen besonderen 96ten Geburtstag.

Was geschieht in der Zwischenzeit? Ich sitze hier mit meiner Zigarre in der Hand und betrachte die Welt. Ja, ich drehe sie mir zurecht. Es gibt mal hier und mal da einen Fleck, der mich interessiert. Ah, hier waren wir mal im Urlaub, war schön. Ich habe gut gegessen und das Personal war sehr freundlich. Ich drehe weiter, hier ist es mir eigentlich zu gefährlich. Also schnell weiter. An dieser Stelle weiß ich gar nicht, was ich mir ansehe. Zu welcher Region gehört dieser kleine Ort und wer lebt dort? Ich habe noch keine Bewertungen für eine Reise dazu entdecken können, aber es herrscht wohl auch kein Krieg dort.

Ich öffne lieber mal das Fenster ein wenig. Im Mai kann es schon mal stickig werden in meiner Dachgeschosswohnung. Wobei das bei dem Schnee momentan kein großes Problem ist.

Meine Kinder basteln gerade an einem Projekt und ich soll ihnen dabei helfen, die Welt zu verstehen. Ich konnte mir auch schon mal leichtere Aufgaben vorstellen. Ich denke, ich als Psychologe könnte eher einen Elektromotor zusammenbauen als die Welt zu erklären. Ich drehe also weiter an meinem Globus und schaue mir die Orte an. Ich glaub hier war mal etwas Land oder Eisfläche, aber das muss wohl geschmolzen sein in der Zwischenzeit. Verdammt, meine Zigarre geht mir gleich aus, ich muss sanfter daran paffen, während ich so überlege.

Ja, klar, die oben erwähnten Ereignisse kann man schon gut zuordnen. Eric Adams gehört zu New York. Rayan kam aus Marokko. Russland hat sich Ärger eingefangen und die Queen erlebt alles mit bei einer Tasse anstrengendem Tee.

Im April gab es aber auch mehrere Anschläge in Afghanistan. Eine Schule in Kabul war betroffen. Dabei verstarb eine ganze Schulklasse. Wie erkläre ich das meinen Kindern, die so wohlbehütet und geschützt aufwachsen?

Um nicht noch weitere Orte auf meinem Globus an die richtige versteckte Stelle zu drehen, beende ich das hier. Ich zeichne also strukturellen Rassismus auf das Plakat meiner Kinder, daneben eine einschlagende Klimakrise, einen riesigen Krieg, der die Welt erschüttert hat und viele kleine leere Kreise dazwischen, all die anderen Kriege, Anschläge und Diskriminierungen, die ich mir zurecht drehe auf meiner kleinen plastischen Ersatzwelt, die in all ihrer Ruhe viel einfacher zu inszenieren wäre, weniger beängstigend.

© Ida Manko 2022-04-25

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